Der Überlebenskünstler

17. Februar 2011, 18:34
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Seit 42 Jahren überlebt Gaddafi an der Macht, und nicht nur, weil er brutal dreinschlägt, wenn sich Widerstand regt - von Gudrun Harrer

"Ein Blick auf die Exzentrizitäten des libyschen Führers Gaddafi" hieß eine US-Depesche im Herbst 2009, die Wikileaks unter die Leute brachte - und der üppigen blonden ukrainischen Krankenschwester Galyna zu Ruhm verhalf. Eine andere Depesche war mit "Die Skandale der Gaddafi-Kinder schwappen in die Politik über" betitelt.

Zwar sind die libyschen Bürger hermetischer abgeriegelt als alle anderen in der Region, aber dass die US-Diplomatie die Vorgänge in ihrem Land auch nur mehr kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, werden sie schon erfahren haben. Und das ermutigt sie: Denn die Verschwörungstheorien in der arabischen Welt lauten ja, dass Washington den autokratischen Herrschern völlig unkritisch gegenübersteht.

In einer US-Depesche ist aber auch zu lesen, dass man Gaddafi nicht einfach als labil - man könnte auch sagen: verrückt - abtun sollte. Seit 42 Jahren überlebt er an der Macht, und nicht nur, wie im Westen alle glauben wollen, weil er brutal dreinschlägt, wenn sich Widerstand regt. Das tut er auch. Aber er war immer auch ein Meister des Balancierens und Lavierens zwischen den verschiedenen Interessengruppen - im Fall Libyens oft Stämme -, wobei die Erdöleinnahmen sehr hilfreich waren.

Sehr unruhige Zeiten hat er schon in den 1990ern überstanden. Damals fehlte den Bürgern Libyens jedoch jede Perspektive auf Selbstbefreiung. Nach Tunesien und Ägypten mag das anders sein. (Gudrun Harrer /DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2011)

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