Dirigismus, ja bitte!

17. Februar 2011, 18:43
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Zentrales Problem für Horx ist die männerbasierte Präsenzkultur - Kritische Masse von Frauen kann eine andere Zeitkultur durchsetzen

Ist Europa vom konservativen Feminismus-Bürokratismus befallen? Vor allem Frauen kritisieren die Quote ja massiv. Sie wollen keine Quotenfrauen sein. Oder sie fühlen sich so jung und stark, dass sie auf solche Gnadenakte von oben pfeifen.

Ein Schuh (mit eleganten Highheels) wird aus der Quotenfrage, wenn wir etwas tiefer darüber nachdenken, warum hierzulande so wenig vorangegangen ist in Sachen "Frauen in der Führung" - obwohl viele Firmen sich inzwischen redlich bemühen, das zu ändern.

Das zentrale Problem ist die männerbasierte Präsenzkultur. Es ist ein Wettbewerb um Anwesenheitszeiten, um kommunikative Präsenz, der die Karrieredynamik antreibt: Wer sein Privatleben der Firma opfert, ist "leistungsbereit". Ohne dieses Zeit-Über-Engagement bleibt man allenfalls im Mittelbau stecken.

Zeitkultur

In Skandinavien hingegen herrscht heute eine völlig andere Zeit-Kultur. Wer dort überlange arbeitet, gilt als Minderleister. Er hat schlichtweg seinen Job nicht im Griff. Das gilt auch für Bosse und Ministerpräsidenten, die man dort regelmäßig um fünf Uhr nachmittags beim Einkaufen mit den Kindern sieht. Frauen haben in der Tat Lust auf Karriere. Aber sie wollen auch Zeit für Kinder, Freunde, PartnerIn. Deshalb neigen selbst starke Frauen zum "Salto private", wenn die Alternative "Karriere mit 14-Stunden-Tag" droht. Umgekehrt verändern die (wenigen) Frauen, die sich als heldenhafte Avantgardistinnen in die ChefInnentage vorkämpfen, die männliche Präsenzkultur kein Stück. Sie vermännlichen umstandslos und zementieren so das männliche Zeit-System.

Die Karrierewelt kann sich nur ändern, wenn eine kritische Masse von Frauen in den Chefetagen eine generell andere Zeitkultur durchsetzt - in Kooperation mit starken Männern, die auch kein Interesse mehr daran haben, mit ihrer Familie nur noch auf diplomatischem Wege zu verkehren. Erst dann wird man verstehen, dass langes Hocken in Büros keine bessere, sondern schlechtere Führung macht. Die Verursacher der Bankenkrise waren allesamt Männer, die 16 Stunden am Tag "arbeiteten". In zehn, zwanzig Jahren werden wir uns an die Männerriegen erinnern wie an das Rauchen in Flugzeugen oder Restaurants - ein bisschen nostalgisch, ein bisschen verwundert, wie das so lange dauern konnte. Manchmal braucht man dirigistische Maßnahmen, um (später) auf Dirigismus verzichten zu können. (Matthias Horx, DER STANDARD, Printausgabe 18.2.2011)

Matthias Horx (56), Trend- und Zukunftsforscher, lebt in Wien.

  • Horx: "Problem der männlichen Präsenzkultur"
    foto: der standard/heribert corn

    Horx: "Problem der männlichen Präsenzkultur"

  • "Feministisch korrekte Empörung."
    foto: c.bertelsmann verlag

    "Feministisch korrekte Empörung."

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