Platon meets Gender-Mainstreaming

17. Februar 2011, 18:24
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Die staatliche Vorschreibung einer "positiven Diskriminierung" ist moralisch illegtim

Peter ist 50, Single und Gehirnchirurg. Er hat hunderte von Operationen erfolgreich durchgeführt, international geforscht, publiziert und gelehrt und mehrere Auszeichnungen für seine Arbeit erhalten.

Sabine ist ebenfalls 50, Single und Gehirnchirurgin. Sie hat genau so viele Operationen erfolgreich durchgeführt wie Peter, im selben Umfang international geforscht, publiziert und gelehrt und dieselbe Anzahl und Art von Auszeichnungen erhalten wie ihr männlicher Kollege.

Peter und Sabine bewerben sich um den Posten eines Primarius/ einer Primaria an einem Wiener Spital. Sabine bekommt den Job. - Warum? Weil sie eine Frau ist.

Geht es nach den VertreterInnen von "Gender Mainstreaming" wäre eine solche so genannte "positive Diskriminierung" moralisch legitim: Bis es zu einem Männer-Frauen-Gleichstand gekommen ist, sollen bei Bewerbungen gleich qualifizierter KandidatInnen Frauen bevorzugt werden. - Warum? Weil dies die Ungerechtigkeit den Frauen gegenüber kompensieren soll, die ihnen durch die Männer widerfährt.

Nun mag es durchaus moralisch vertretbar sein zu verlangen, dass es gleich viele Gehirnchirurginnen geben sollte wie Gehirnchirurgen. Der Weg, auf dem dieser Gleichstand erreicht werden soll, kann aber nicht in einer "positiven Diskriminierung" bestehen. - Warum? Weil diese auf einem unsinnigen ontologischen Konzept aufbaut, das in einen praktischen Widerspruch führt.

Wer diskriminiert wen?

Die Frauen als "platonische Idee", eine sämtliche Individuen umfassende "Kollektiv-Frau" also, gibt es genau so wenig wie die Männer, welche die Frauen benachteiligen. Es mag sehr viele Frauen (vielleicht sogar die Mehrzahl von ihnen?) geben, die von sehr vielen Männern (vielleicht sogar der Mehrzahl von ihnen?) benachteiligt werden. Aber nicht jede Frau wird von Männern benachteiligt, und nicht jeder Mann benachteiligt Frauen. Diskriminiert werden kann mann oder frau jeweils nur ad personam - als konkretes Individuum. Und nur ein solches kann ein anderes Individuum diskriminieren.

Diskriminiert Peter Sabine? Nein, das tut er nicht und kann es gar nicht, weil er sich in der gleichen passiven Situation befindet wie sie: Er ist Bewerber um einen Job, über dessen Erhalt er selbst nicht entscheiden kann.

Wenn der Staat per Gesetz positive Diskriminierung vorschreibt, erschafft er, um der möglichen negativen Diskriminierung von Sabine vorzubeugen, aus dem Nichts die platonische Idee der Männer und diskriminiert mit ihr wirklich - und zwar einen Mann, nämlich Peter, ein konkret existierendes Individuum.

Los-Entscheidung

Spätestens hier muss jedem Menschen ein Licht aufgehen: Die Männer und Die Frauen gibt es überhaupt nicht, und sie sollten auch nicht als platonische Idee zu moralischen Zwecken konstruiert werden, weil erst dadurch konkrete Individuen diskriminiert würden. Um weder Peter, noch Sabine ad personam zu benachteiligen, beiden die gleiche Chance auf den angestrebten Posten zu ermöglichen und mittel- bis langfristig den erwünschten Männer-Frauen-Gleichstand hervorzurufen, kann es nur einen Weg geben:

Unter allen gleich qualifizierten Bewerbern entscheidet das Los. (Georg Schildhammer, DER STANDARD, Printausgabe 18.2.2011)

Georg Schildhammer, Kommunikationswissenschafter, freier Journalist und Buchautor, lebt in Wien.

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  • Schildhammer: Im Zweifel entscheide das Los.
    foto: privat

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