Opernmuseum der Trägheit

17. Februar 2011, 18:04
9 Postings

Premiere von Mozarts "Le nozze di Figaro" an der Wiener Staatsoper: Regisseur Jean-Louis Martinoty wurde für eine konventionelle und nur in kleinen Details lebendige Inszenierung ausgebuht

Wien - Erstens einmal: Ein Haus wie die Staatsoper, das für sich hoffentlich globale Ausstrahlungskraft einfordert und sich nicht nur damit begnügt, täglich solide zu funktionieren, sollte es nicht nötig haben, bezüglich seines Kernrepertoires eine mehr als ein Jahrzehnt alte Inszenierung ins Haus zu holen. Auch wenn dieser Figaro, der einst in Paris am Théatre des Champs-Elysées entstand - Dominique Meyer war dort Chef, bevor er nach Wien wechselte -, nun neu erarbeitet und neu besetzt wurde: Ein Haus wie die Staatsoper müsste ein neues Regiestatement setzen können.

Zweitens aber erweist es sich schön langsam, aber sehr sicher als wenig produktiv, gerade bei wichtigen Mozart-Opern nachhaltig nur der Kunst eines einzigen Regisseurs zu vertrauen. Jean-Louis Martinoty hat ja im Haus am Ring unlängst schon Don Giovanni wenig glückvoll umgesetzt. Er soll nach diesem letztlich doch flach-konventionellen Figaro irgendwann einen Hattrick landen, indem er auch noch Mozarts Così inszeniert.

Mitunter recht munter

Nun sind zwar im Vergleich zum Giovanni anhand von Details kleine Fortschritte zu erkennen. In einem aus Schräge, schiefen Wänden (mit verlebten Tapeten) und zahllosen vom Bühnenhimmel herabschwebenden Gemälden bestehenden, ansehnlichen Ambiente (Bühnenbild: Hans Schavernoch) absolvieren die Protagonisten eine im Ausnahmefall recht munter ablaufende Komödie der Verstellung und emotionalen Verwirrung.

Da werden nackte Gräfinnenfüßchen geküsst, aus Wut herrschaftliche Perücken mit Scheren angestochen, Oberweiten abgetastet, Gnackwatschen verteilt und Totenköpfe angesungen. Mitunter reicht für diesen Klamauk offenbar auch die ganze Bühne nicht aus, um ein Entfalten zu gewährleisten: Cherubino (blass in jeder Hinsicht: Anna Bonitatibus) muss dann eben einmal auch in den Orchestergraben hüpfen.

Keine Vertiefung

Und doch nistet sich langsam, aber sicher in den Kostümschinken eine Trägheit ein, die kein Konzept unbeschadet lässt - ob man nun auf jegliche Neudeutung und psychologische Vertiefung der Charaktere verzichtet (wie hier) oder nicht; ob altbacken (wie hier) oder zeitgemäß. Und ganz besonders nicht bei einer Inszenierung, die auf szenische Zoten setzt (wie diese). Besonders bei Ensembleszenen erstarren die Figuren ja vollends zum üblichen Opernpuppentheater.

Inmitten all dessen steht ein um seine Macht mit allen Mitteln der Galanterie kämpfender Graf. Er ist ein distinguierter, eitler Geilspecht, der gerne grapscht und Küsschen verteilt, aber in Augenblicken, da er Macht und Kontrolle verliert, seine Hand ausrutschen lässt. Wer Erwin Schrott etwa schon als Leporello in Salzburg gehört und gesehen hat, der spürt allerdings, dass hier ein echter Theatraliker an einer gewissen Unterforderung durch die Regie leidet. Wobei: Auch vokal findet Schrott - bei aller Kultiviertheit - nicht zu jener Eindringlichkeit, die ihn auszeichnen kann.

Nichts wirklich Bemerkenswertes

Da ist Luca Pisaroni (als Figaro) ein bisschen präsenter, flexibler in der musikalischen und szenischen Wirkung. Natürlich ohne das Ganze retten zu können. Auch Dorothea Röschmanns doch noch über das Solide hinausreichende Qualitäten (als Gräfin) waren letztlich nur im Vokalen zu finden. Drum herum? Nichts wirklich Bemerkenswertes. Eher nur solide und mit wenig Durchschlagskraft Sylvia Schwartz (als Susanna), ansprechend Donna Ellen (als Marcellina) und Benjamin Bruns (als Don Basilio). Ein Lichtblick immerhin Daniela Fally (als Barbarina).

Wohl noch um einiges zäher wäre die Operngeschichtsstunde ausgefallen, hätte nicht Franz Welser-Möst mit sachkundiger Partiturbehandlung Akzente gesetzt. Nach flott durchgepeitschter Ouvertüre und einigen blassen Anfangsmomenten entwickelte er mit dem Staatsopernorchester (das parallel im philharmonischen Gewand ein Musikvereinskonzert gab ...) eine schillernde Welt der Pointen und Farben auf schlanker Klanggrundlage.

Es entstand jedenfalls ein markanter musikalischer Sog, und sängerfreundlich war das Ganze auch. Viel Applaus für die musikalische Seite des Abends - Buhs aber für den Regisseur. (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2011)

19., 21., 24. und 26. 2., 19.00

Nachlese:
Komödie der Leidenschaften
Nachtkritik zur "Figaro"-Premiere

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Opernscherze tun manchmal auch weh: Anna Bonitatibus (als Cherubino) und Luca Pisaroni (als Figaro).

Share if you care.