Ein Passivhaus - mit Stroh gedämmt

17. Februar 2011, 17:53
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Thermische Gebäudesanierung wird offensiv gefördert - die Frage nach den dabei verwendeten Baustoffen wird aber kaum gestellt

Thermische Gebäudesanierung wird offensiv gefördert - die Frage nach den dabei verwendeten Baustoffen wird aber kaum gestellt. Dabei gäbe es eine gute Auswahl an nachhaltigen Alternativen zum Styropor.

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Wien - Im Gegensatz zu verkehrspolitischen Maßnahmen - mit denen sich kaum ein Politiker gern die Finger verbrennt - kann man im Wohnbau vergleichsweise einfach den Klimaschutz vorantreiben. Und noch dazu mit Förderungen positive Anreize schaffen.

So gelten seit 1. März die neuen Förderrichtlinien des Bundes für die thermische Sanierung: Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (VP) will bis 2014 insgesamt 400 Millionen Euro an Förderungen ausschütten. Haushalte können mit Zuschüssen von 1500 bis maximal 6500 Euro rechnen. Teilsanierungen werden mit bis zu 3000 Euro unterstützt. Unterstützt wird etwa die Dämmung der Außenwände, der Austausch der Fenster und Außentüren und die Umstellung auf umweltfreundliche Heizsysteme.

Die Sanierungsmaschine läuft schon seit Jahren durchaus erfolgreich: Allein in Wien wurden von Jänner 2007 bis Mitte 2010 insgesamt 2114 geförderte Sanierungsprojekte mit mehr als 50.000 Wohnungen fertiggestellt, bilanziert Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SP). 2010 gab es in der Bundeshauptstadt überdies Förderzusagen von Projekten mit rund 15.000 Wohneinheiten.

Was die Bundesförderung betrifft, gab es vor allem Kritik an sozialen Schwächen des Systems - da Geschoßwohnbau, Mieter und sozial Schwache gegenüber Einfamilienhäusern, Eigentümern und Vermögenderen benachteiligt würden (siehe dazu auch Artikel).

In der Diskussion im Vorfeld wurde allerdings ein entscheidender Punkt kaum bis überhaupt nicht angesprochen: jene nach der Wahl der Baumaterialien. Denn in den überwiegenden Fällen wird bei der Sanierung EPS an die Außenwände gepickt - im Volksmund auch Styropor genannt.

Öl an der Wand

Das Problem dabei: Zum einen ist Styropor auch ein Produkt aus der Erdölindustrie - also ein fossiler Baustoff. Dazu kommt, dass diese Dämmung später einmal kaum recyclefähig ist, da sie auf der einen Seite an die Wand verklebt und auf der anderen verputzt ist.

Dabei gäbe es längst bewährte Alternativen: "An sich gibt es einige Dämmstoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen oder aus ausreichend verfügbaren mineralischen Rohstoffen hergestellt werden", erläutert Felix Heisinger vom Österreichischen Institut für Baubiologie und -ökologie (IBO) im Gespräch mit dem ÖkoStandard.

Da gibt es etwa Holzfaser-Dämmstoffe, Mineralschauplatten, Dämmungen mit Hanf oder Kork. Erstmals wurde auch Schaumglas zertifiziert - eine durchaus interessante Alternative für Bereiche, wo mit Feuchte zu rechnen ist - also bei Böden oder Flachdächern. Für die Innendämmung ist etwa auch Schafwolle ein guter Baustoff für Hohlraumdämmung. "Die ist auch gut für das Raumklima und hat gute akustische Eigenschaften", erläutert Heisinger.

Zellulose und Stroh

Was in Österreich schon oft zum Einsatz kommt, sind Zellulose-Dämmungen - also aufbereitete Papierschnipsel, die etwa bei der Dachbodendämmung unter Hochdruck eingeblasen werden.

Weitgehend unbekannt ist hingegen, dass sogar mit Stroh gut gedämmt werden kann: "Stroh ist ein lange bewährter, aber in Vergessenheit geratener Baustoff", erinnert Felix Heisinger. Ein Präsentationsobjekt ist das "S-House" in Böheimkirchen, das von der Gruppe Angepasste Technologie (GrAT) an der Technischen Universität mitgeplant wurde: ein Passivhaus - mit Stroh gedämmt.

Bei diesem Projekt hatte die GrAT gemeinsam mit dem IBO ein eigenes Holzständer-Wandsystem mit einer Dämmung aus gepresstem Stroh entwickelt, das Passivhaus-Standard erreicht. Generell wurden für das S-House ungiftige, nachhaltige Materialien und keine metallischen Komponenten oder fossile Kunststoffe verwendet. In Summe gebe es in Österreich bereits zahlreiche weitere Einfamilienhäuser mit Strohdämmung, weiß Heisinger.

Ob nun Stroh oder andere, nachhaltige Dämmstoffe: In Summe seien sie im Vergleich zu einer Styropordämmung wirtschaftlich durchaus konkurrenzfähig. Nachsatz Heisingers: "Wenn man einen guten Anbieter hat." Auch die Dämmwerte seien in etwa gleich wie bei herkömmlichem Styropor.  (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - ÖkoStandard, Print-Ausgabe, 17.2.2011)

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IBO

S-House

  • Für das S-House in Böheimkirchen wurden spezielle Holz-Stroh-Systeme entwickelt.
    foto: grat

    Für das S-House in Böheimkirchen wurden spezielle Holz-Stroh-Systeme entwickelt.

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