Experten fordern bessere Versorgung und Betreuung ein
Wien - Laut OECD liegt Österreich bei der Kinder- und Jugendgesundheit europaweit an der letzten Stelle - vor diesem Hintergrund widmet sich nun eine zweitägige Fachtagung an der Universität Wien den Bedürfnissen der Kleinsten, denn: Familiäre Defizite, also problematische Verhältnisse von Armut bis hin zu Gewalt, legen oft den Grundstein für spätere psychische Erkrankungen wie Süchte, Verhaltensauffälligkeiten oder Depressionen.
Katharina Kruppa, Vorsitzende der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der frühen Kindheit, fordert etwa mehr Anlaufstellen für überforderte Mütter ein, denn: "Die kleinen Kinder werden noch immer großteils von den Müttern allein erzogen - und es gibt lange Wartezeiten, wenn Frauen Hilfe suchen und sagen: 'Ich bin überfordert!'"
Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, rechnet vor, dass derzeit 20.000 bis 40.000 unter Vierjährige, also etwa fünf bis zehn Prozent der Kinder, in belastenden Verhältnissen aufwachsen. Er setzt sich deswegen für ein flächendeckendes Präventionssystem im ganzen Land ein, das mithilfe der Ministerien für Gesundheit, Familien und Soziales sowie der Bundesländer aufgebaut werden soll.
Auch bei der finanziellen Förderung stellt die OECD Mängel fest. Lieselotte Ahnert, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Wien, kritisiert, dass mit 3,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes hierzulande zwar viel für Kinderbetreuungsgeld ausgegeben wird, aber: Es sei nicht sichergestellt, dass das Geld auch tatsächlich den Kindern zugutekomme. In Schweden und Dänemark etwa werden allein für frühe Bildung zwei Prozent des BIPs ausgegeben, in Österreich bloß 0,4 Prozent.
Auch bei den Betreuungsplätzen für Kleinkinder sehen die Experten Nachholbedarf. Nach einem EU-Beschluss sollen nämlich für den Nachwuchs unter drei Jahren zu 30 Prozent Plätze zur Verfügung stehen, was in Österreich - Ausnahme Wien - mit 15,8 Prozent weit unterboten wird. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2011)