"Männer sagen: Habt euch doch nicht so"

17. Februar 2011, 17:06
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Mel Ramos' Pin-ups deutet man als Persiflagen der Werbung - Die Kunsthistorikerin Sigrid Ruby sieht aus dem "Playboy" kopierte Posen

Wien – Mel Ramos' ebenso glatte wie berühmte Pin-up-Bilder sind ironisierend, sagen die einen und vermarkten damit das wenig variierende OE uvre des letzten lebenden Pop-Art-Künstlers sehr gut. Andere halten die Arbeiten für flach und sexistisch. Die Albertina widmet Ramos zwar eine Ausstellung (bis 29. 5.), lud aber Sigrid Ruby ein, eine kritische, feministische Perspektive einzunehmen.

Standard: Worin bestand für eine Kunsthistorikerin mit feministischem Schwerpunkt der Reiz, sich mit Mel Ramos zu beschäftigen?

Sigrid Ruby: Es sind solch' offensichtliche Sexualisierungen von Frauen, so banal, dass Männer sagen: Habt euch doch nicht so. Es war eine Herausforderung, mich mit dieser schwierigen Banalität, diesen nicht explizit brutalen oder pornografischen Bildern zu beschäftigen. Und so blöd es sich anhört – es hat mich gereizt, die wenig untersuchte Pin-up-Kultur zu betrachten, die viel über das Frauenideal der jeweiligen Zeit aussagt.

Standard: Sie haben in den "Playboy"-Magazinen direkte Vorlagen für die Ramos-Damen gefunden. Wieso hat diese Vergleiche bisher niemand getroffen?

Ruby: Zum Teil vermutlich aus Faulheit. Man war sich wohl auch zu fein, in die entsprechenden Quellen zu schauen. Es gibt keine gute Forschung. Es gibt eigentlich gar keine Forschung zu Mel Ramos, keine Werkanalyse. Es heißt immer nur Persiflage, Persiflage. Aber ich frage mich, was bedeutet das? Und wie sieht die feministische Perspektive aus?

Standard: Der männliche Blickwinkel ist ja offensichtlich...

Ruby: Genau. Es gibt da ein gewisses Blickkartell: Der Playboy richtet sich an eine exklusiv männliche Klientel. Die Playmates waren für eine gewisse Zeit Celebrities, man hat sie sicherlich wiedererkannt. Es war bestimmt eine – nicht unbedingt bewusste – Genugtuung, sie in der Hochkunst wiederzusehen. Die Betrachter genossen diese Sublimierung und bildeten eine augenzwinkernde Gemeinschaft mit dem Künstler.

Standard: Sind die Frauen bei Ramos eigentlich noch Individuen oder nur mehr Projektionsflächen?

Ruby: Im Playboy sind sie noch Individuen mit einem Namen und einer Biografie. Marilyn Monroe ist als allererstes Playmate 1953 das beste Beispiel. Ramos nimmt ihnen die Individualität wieder. Faktisch sind es bei ihm nur Oberflächen, die reproduziert werden. Begehren wird häufig definiert als Kluft zwischen dem Bild und dem, worauf es verweist, in diesem Fall also die Diskrepanz zwischen dem Bild der Frau und ihr selbst. Das heißt, diese idealisierten, glatten Körper, die Lebendig- und Natürlichkeit verloren haben, heizen das Begehren zusätzlich an.

Standard: Ramos' Frauen sind so makellos wie die Produkte der Werbung. Er selbst sagt ja, nur die mit Makeln behafteten Frauen, hätten Probleme mit seiner Arbeit. Machen solche Aussagen seine angeblichen "Persiflagen der Werbung" nicht völlig unglaubwürdig?

Ruby: Ach, die Künstler geben meist nur Plattitüden von sich. Ramos behauptet gerne, seine Frau wäre Modell gewesen. Dieser Topos wird seit der frühen Neuzeit von Künstlern kolportiert: Die Liebe zur Frau führe dazu, dass man einen ideal-schönen Körper auf die Leinwand bannt. Das ist eine Form von Beschwichtigungsdiskurs.

Standard: Wie sieht Ramos' Frauenbild aus?

Ruby: Es gibt keinerlei Brechung des Stereotypen und Makellosen, keinerlei Ambivalenz, keine Zuwiderhandlung, dadurch verschwindet der Subjektstatus der Frau. Es sind schablonenhafte Fertigprodukte, mehr oder minder genaue Kopien fotografierter Pin-Ups, die er seit den 1960er-Jahren nicht variiert. Die Produkte und der Frauentyp ändern sich, aber die Masche ist die gleiche.

Standard: Es wurde gesagt, die Darstellungen von Frauen mit Affen, Löwen würden eindeutig die Männer karikieren. Sind Frauen und gefährliche Tiere nicht auch ein sehr sexistisches Motiv?

Ruby: Es ist naiv zu glauben, das wäre ironisch. Es ist nicht abwegig, hier weniger ein Identifikationsangebot als vielmehr ein voyeuristisches pornografisches Motiv zu sehen. Es geht mir grundsätzlich nicht darum, Ramos' Werk als moralisch verwerflich zu disqualifizieren. Seine Arbeit bedient jedoch eine konventionelle hetero-männliche Schaulust. Mir liegt daran, dass Frauen ihr Unbehagen damit äußern dürfen oder auch ihr Desinteresse, ohne gleich die lila Latzhose verpasst zu bekommen.

(Die Fragen stellten Anne Katrin Feßler und Andrea Heinz, DER STANDARD, Printausgabe 18.2.2011)

  • SIGRID RUBY ist Kunsthistorikerin an der Universität Gießen. Ihre 
Forschungsschwerpunkte sind u. a. amerikanische Kunst nach 1945 und 
Genderstudies.
    foto: der standard/cremer

    SIGRID RUBY ist Kunsthistorikerin an der Universität Gießen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. amerikanische Kunst nach 1945 und Genderstudies.

  • Nicht im Geringsten variiert, sondern kopiert...
    foto: mel ramos, "playboy"

    Nicht im Geringsten variiert, sondern kopiert...

  • ...sind Mel Ramos' Bunnys: 
"Valvoleena" und "Miss January 1965" aus dem "Playboy", Sally Duberson.
    foto: mel ramos, "playboy"

    ...sind Mel Ramos' Bunnys: "Valvoleena" und "Miss January 1965" aus dem "Playboy", Sally Duberson.

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