Kinderbetreuung: Unzufriedene ExpertInnen

17. Februar 2011, 13:34
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Nachholbedarf bei außerfamiliärer Beaufsichtigung, frühen Hilfen und finanzieller Unterstützung - EU-Ziele lange nicht erreicht

Wien - Bei der Betreuung und Umsorgung von Kleinkindern gibt es in Österreich laut ExpertInnen große Defizite. Ein Problembereich ist die außerfamiliäre Beaufsichtigung: "Die kleinen Kinder werden immer noch großteils von den Müttern alleine erzogen", kritisierte Katharina Kruppa, Vorsitzende der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH), die von 17. bis 19. Februar in Wien ihre Jahrestagung abhält. "Es gibt lange Wartezeiten, wenn Mütter Hilfe suchen und sagen, ich bin überfordert."

Die Unterstützung für unter Dreijährige ist laut GAIMH nicht ausreichend, wodurch Traumata entstehen, die während des Heranwachsens und später für Probleme sorgen. "Alles was Kleinkinder betrifft, wird auf körperliche Bedürfnisbefriedigung beschränkt", so Kruppa. Die OECD habe Österreich, was die Kinder- und Jugendgesundheit betreffe, an die letzte Stelle gereiht, kritisierte auch Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. 20.000 bis 40.000 unter Vierjährige bzw. fünf bis zehn Prozent aller Kinder wüchsen in belasteten Situationen auf. Die Folgen seien erhöhte Suchtraten, mehr Sozialstörungen und eine doppelte Häufigkeit von Depressionen.

Laut Vavrik mangelt es vor allem an frühen Hilfen, sprich aufsuchenden Präventivangeboten der Jugendwohlfahrt. Hier müsse ein flächendeckendes System in ganz Österreich durch die Bundesländer, die Ministerien für Gesundheit, Familien und Soziales aufgebaut werden. Klar sei aber auch, dass man nicht alle Vorfälle - wie jenen des in Vorarlberg totgeprügelten dreijährigen Cain - verhindern könne. "Das wäre vermessen", so Vavrik.

BIP-Vergleiche

Auch bei der finanziellen Förderung stellt die OECD laut Analysen aus dem Jahr 2004 Österreich kein gutes Zeugnis aus: Es wird laut Psychologin Lieselotte Ahnert viel Geld - 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukt (BIP) - in Form von Kinderbetreuungsgeld ausgegeben, durch dessen freie Verfügbarkeit, aber nicht sichergestellt ist, dass die Unterstützung auch tatsächlich den Kindern zugutekommt. Im Vergleich würden nur 0,4 Prozent des BIP für frühe Bildung ausgegeben, was minimal sei. In Schweden und Dänemark liege der Beitrag bei zwei Prozent.

Entfernt von EU-Zielen

Auch bei den Betreuungsplätzen für Kleinkinder orten die ExpertInnen Nachholbedarf: Gemäß einem EU-Beschluss aus dem Jahr 2002 sollten für Unter-Dreijährige zu 30 Prozent Plätze zur Verfügung stehen, was in Österreich mit einem tatsächlichen Wert von 15,8 Prozent weit unterboten wird. Nur Wien erreicht die Vorgabe mit 26,8 Prozent nahezu, in der Steiermark sind es hingegen nur 7,7 Prozent.

15 bis 20 Kinder pro Hortgruppe seien zu viel. Bei zwei Betreuern sollten es nicht mehr als zehn Mädchen und Buben sein. Seien Babys darunter, müsse die Grenze sogar bei acht bis neun Plätzen liegen. Der Grund: Ein Säugling beansprucht laut Ahnert 40 Prozent der Aufmerksamkeit der Betreuungsperson. Bei der GAIMH-Tagung soll eine Resolution mit Forderungen unterschrieben werden. (APA)

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    Sie haben einen Platz in einer Kinderbetreuungseinrichtung. Viele haben diesen aber nicht. Die Versorgungsarbeiten bleiben meist bei den Müttern hängen.

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