Spar dir den Ärger, mach es wie Wittgenstein!

17. Februar 2011, 12:22
179 Postings

Blogger Thomas Strobl über das Skandälchen um Guttenbergs akademische Meriten, das dem Politiker schaden soll

Zuerst kam die Untersuchung eines unglücklichen Bombardements in Afghanistan; darauf folgte die Untersuchung eines unglücklichen Zwischenfalls auf einem Segelschulschiff; und nun also die Untersuchung einer restlos verunglückten Doktorarbeit: Wenn dieser Tage bei unseren deutschen Nachbarn Untersuchungen in Auftrag gegeben werden, dann fällt als nächstes der Name Guttenberg.

Zu Doktorwürden ohne Quellenangaben

Im Unterschied zu den ersten beiden Geschehnissen mit Aufklärungsbedarf erscheint die zur Debatte stehende Dissertation aber natürlich als Lappalie; und viele Guttenberg-Sympathisanten werden noch nicht einmal gewusst haben, dass es der deutsche Verteidigungsminister überhaupt je zu Doktorwürden gebracht hat. Noch weniger werden sich ernstlich dafür interessieren. Hat er aber, und dabei nutzte er seine Quellen offenbar ein wenig - wie soll man es ausdrücken? - „potschert". Das macht die Arbeit nicht gleich zu einem „dreisten Plagiat", wie ein wenig wohlmeinender Professor es formulierte; genauso wie die Gorch Fock wegen einer aus der Takelage zu Tode gestürzten Kadettin nicht gleich zum „größten Puff Deutschlands" wird, wie es in einem Nachrichtenmagazin hieß.

Das Vorbild Wittgenstein

In der Einleitung zu seiner Arbeit bediente sich Guttenberg offenbar auch aus Beiträgen großer Tageszeitungen, ohne deren Verfasser gebührend im Quellenverzeichnis zu würdigen. Was ihm jetzt vorgeworfen wird. Stattdessen wäre er besser dem Beispiel des berühmten Wiener Philosophen Ludwig Wittgenstein gefolgt, der 1922 in seinem „Tractatus logico-philosophicus" die Nennung seiner Quellen nicht nur unterließ, sondern sogar mit Nachdruck darauf verzichtete. Im Vorwort schreibt er fast schon trotzig: „Wieweit meine Bestrebungen mit denen anderer Philosophen zusammenfallen, will ich nicht beurteilen. Ja, was ich hier geschrieben habe, macht im Einzelnen überhaupt nicht den Anspruch auf Neuheit; und darum gebe ich auch keine Quellen an, weil es mir gleichgültig ist, ob das was ich gedacht habe, vor mir schon ein anderer gedacht hat." Und trotz oder gerade wegen dieses unerhörten Regelbruchs war dem Werk ein riesiger Erfolg beschieden, der in Wittgensteins Ernennung zum Professor in England gipfelte.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen", so der Schlusssatz des Tractatus: eine Maxime, auf deren Befolgung zu Guttenberg in der öffentlichen Debatte über die Rechtmäßigkeit seiner Doktorwürde wohl nicht hoffen darf. Zu sehr reizt es, dem smarten Afghanistan- Minister seine höchstpersönliche „Smoking Gun" unter die Nase zu halten; zu verlockend scheint die Aussicht, der einen Hälfte der „deutschen Kennedys" endlich den Glanz zu nehmen; als zu politisch lukrativ präsentiert sich das Vorhaben, den großen Hoffnungsträger der deutschen Konservativen zu desavouieren. Wer alte Geschichten aufwärmt, der will diffamieren, schrieb Niklas Luhmann sinngemäß: das Skandälchen um Guttenbergs akademische Meriten wird wohl - nach allem was man bisher weiß - in diese Rubrik einzuordnen sein. Guttenberg, der Akademiker, war bislang ein medialer Non-Event; er wird jetzt hervorgeholt, um Guttenberg, dem Politiker, zu schaden.

Viele Wege führen zum Erfolg

Wittgenstein wurde ein untadeliger Professor und ein großer Philosoph - trotz fehlender Quellenangaben. Erstaunlich, denn für eine Professur ist eine lupenreine Dissertation Voraussetzung, möchte man meinen. Für einen guten Politiker ist sie es hingegen nicht. Zu Guttenberg war bislang mit oder ohne fehlende Quellenangaben ein untadeliger Verteidigungsminister. An dieser Einschätzung sollte die aktuelle Kontroverse nichts ändern.


Thomas Strobl ist Ökonom und Blogger (www.weissgarnix.de), Co-Herausgeber von "Die Zukunft des Kapitalismus",  und Autor von "Ohne Schulden läuft nichts" - auf Twitter ist er hier zu finden.

Share if you care.