Die zweite Mobilfunk-Revolution kann beginnen

17. Februar 2011, 11:25
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"Roamende Eichhörnchen" müssen schon bald keinen Kostenschock mehr befürchten

Seit einiger Zeit ist bei vielreisenden Menschen ein interessantes Eichhörnchenschema zu beobachten: Wie Nüsse sammeln sie an Orten, an denen sie gerade unterwegs sind, kleine SIM-Karten. Damit füttern sie ihre Handys, iPads und Datensticks, vorausgesetzt diese sind unversperrt (also nicht an einen Betreiber gebunden). Und zahlen damit einen örtlichen Prepaid-Datentarif, um horrenden Roamingkosten ihrer Betreiber beim internationalen Datenverkehr auszukommen.

Am eigenen Leib erlebt

Ich gestehe, zu diesen Eichhörnchen zu gehören - aber nach einer 1300-Euro-Rechnung nach einer internationalen Konferenz neigt man zu schrulligem Verhalten. Dabei war dort (im benachbarten München), wie stets bei solchen Veranstaltungen, ohnehin keine ordentliche Verbindung zu bekommen. Denn der gleichzeitige Versuch hunderter Journalisten, ins Netz zu kommen, überfordert die Strukturen hoffnungslos.

Das führt zur paradoxen Situation, dass man für noch weniger noch mehr zahlt: Da die Verbindung ständig unterbrochen wird (etwa um Fotos, Videoclips, Tondateien zu übertragen) beginnt der Ladevorgang stets von Neuem. Es gibt nur wenige Server, die einen Download dort fortsetzen, wo er unterbrochen wurde.

Zu bezahlen ist aber jeder Versuch, auch erfolglose, und wenn es zehn Anläufe braucht, bis ein Bild einmal durchkommt. Also kostet es nicht nur das Vielhundertfache für Roaming, sondern wird durch schlechte Leistung nochmals ein Vielfaches teurer.

Bittere Realität

Das ist die Roaming-Realität des Jahres 2011, Jahrzehnte, nachdem das technische Wunder des standardisierten weltweiten Mobilfunks erfunden wurde: Wir haben Geräte, mit denen wir zwar in der Toskana oder auf Sansibar mühelos telefonieren, heimische Zeitungen lesen oder Schnappschüsse nach Hause schicken können - aber wir sammeln kleine SIM-Karten, um daheim keinen Rechnungsschock zu erleiden.

Die Technik hat enorme Fortschritte gemacht, die auch demokratische Umbrüche in Tunesien oder Ägypten unterstützen - aber die Bürokratie (wozu ich Preisgestaltung zähle) macht sie wieder zunichte.

Anfang vom Ende

Beim Mobile World Congress in Barcelona wurde endlich der Anfang vom Ende dieses wucherischen Unsinns gesetzt: Die Deutsche Telekom präsentierte als erster der internationalen Provider einen akzeptablen Tarif für Datenroaming. Eine Woche unbegrenzter Datenzugang in den 27 EU-Staaten, in allen Netzen und nicht nur bei T-Mobile, um rund 15 Euro.

Das ist zwar höher als die in Österreich gängigen Prepaid-Datentarife (bei denen das Gigabyte drei bis vier Euro kostet). Aber es steht in einer nachvollziehbaren Relation zum Grundpreis - und ist kein Fantasiezuschlag, um Kunden für günstige Inlandstarife zu bestrafen.

Ende der Defensive

Zwar wird die Flatrate nach einem noch nicht bekanntgegebenen Volumen (wahrscheinlich 250 bis 500 Megabyte) mittels Tempobremse de facto limitiert, auch wenn das immer noch E-Mail ermöglicht, aber dieser Schritt beendet Jahre der Defensive seitens der Mobilfunker.

Das ist überfällig in der Ära der Smartphones: Erstmals wurden in diesen Tagen mehr Smartphones verkauft als PCs. Ohne grenzenlosen Internetzugang sind sie nur Eichhörnchensammelplätze. (Helmut Spudich, Kolumne Personal Tools, DER STANDARD/Printausgabe, 17.2.2011)

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  • Daten-Roaming wird durch spezielle Tarife bald billiger
    foto: epa/jagadeesh nv

    Daten-Roaming wird durch spezielle Tarife bald billiger

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