Wärme aus den Tiefen der Jura-Zeit

17. Februar 2011, 10:23
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Die Beteiligten sprechen von "Meilenstein" und "Jahrhundertprojekt": In Oberösterreich soll Geothermie für ein Fernwärmeprojekt in Ried und Mehrnbach genutzt werden - Es wird schon gebohrt

Ried - Noch werden die Erschließungsbohrungen knapp zwei Monate dauern. Doch Peter Bahn, Bürgermeister von Mehrnbach im Innviertel, ist "überzeugt, dass wir unsere Füße in wenigen Wochen im heißen Wasser waschen können". Sein Kollege aus der vier Kilometer entfernten Bezirkshauptstadt Ried, Albert Ortig, spricht schon jetzt von einem "Jahrhundertprojekt", und Oberösterreichs Umweltlandesrat Rudi Anschober von einem "Meilenstein hin zur Energiewende". Auch Energie-AG-Generaldirektor Leo Windtner verwendet nur Superlative: "Das ist das größte Geothermie-Projekt in Österreich."

Die Chance, dass man bei Mehrnbach in 2700 Metern Tiefe tatsächlich auf kochend heißes Wasser stößt - das dann an der Erdoberfläche fürs Heizen und die Warmwasseraufbereitung verwendet werden kann, betrage laut Experten 95 Prozent. Vom bayerischen Regensburg über das Innviertel, den Hausruck bis nach Bad Schallerbach verläuft laut Projektleiter Siegfried Lieblich eine heißwasserführende Schicht aus der Jura-Zeit. Im Bereich des sogenannten "Rieder Abbruchs" könnte durch eine Tiefenbohrung ausreichend Thermalwasser für das geplante Fernwärmeprojekt der Energie AG Oberösterreich gewonnen werden.

Die ersten Anschlüsse 2012

Wenn alles nach Plan läuft, sollen im Herbst 2012 in Ried die ersten 250 Kunden, die bisher mit Öl oder Gas heizten, an die Heißwasserquelle angeschlossen werden. In Mehrnbach sollen es in der Erstphase die öffentlichen Häuser sowie 150 Haushalte sein. 55 Gigawattstunden Wärme pro Jahr könnten dann den Verbrauchern zur Verfügung stehen. Die gesamte Erschließung sowie der Aufbau des Fernwärmenetzes wird rund 30 Millionen Euro kosten.

140 Liter pro Sekunde sollen aus dem Bohrloch an die Oberfläche gepumpt werden. Über eine 1600 Meter lange Versorgungsleitung wird das rund 100 Grad heiße Wasser bis zu den Umformerstationen geleitet und die Wärmeenergie in die beiden Netze in Ried und Mehrnbach eingespeist. Nachdem über die Wärmetauscher dem geothermischen Wasser die Energie entzogen wurde, wird es wieder in das Erdreich in rund 2400 Meter zurückgeführt. Umgesetzt wird das Vorhaben durch die "Geothermie Ried Bohrung GmbH". Für 1300 Fernwärmeanschlüsse soll das Projekt im Vollausbau Energie liefern und rund 90 Gigawatt Wärme an Verbraucher in der Region zu liefern. Im Vergleich zu fossilen Brennstoffen erspart die Energie aus der Heißwasserquelle 25.000 Tonnen CO2-Ausstoß.

Mit diesem Projekt zeige Oberösterreich einmal mehr seine Vorreiterrolle in Sachen Energiewende, betont Anschober. Schon jetzt gebe es in dem Bundesland "Österreichs größtes Fotovoltaik-Kraftwerk, die meisten ökologisch modernisierten Kleinwasserwerke und die größte Solarthermiefläche Österreichs". In Oberösterreich sind derzeit fünf geothermische Fernwärmenetze in Betrieb. Der Anteil der Biomasse am Gesamtenergieverbrauch betrage bereits 17 Prozent.

Bis die Geothermie-Anlage die Ökobilanz Oberösterreichs tatsächlich weiter verbessert, kommt auf die Bewohner von Ried und Mehrnbach erst noch eine Mehrbelastung zu. Bis Herbst 2012 müssen 20 Trassenkilometer Leitungen verlegt werden. "Es handelt sich um die größte Baustelle, die wir in Mehrnbach jemals hatten", erklärt Bürgermeister Bahn.

In Island schießt die Erdwärme von selbst an die Erdoberfläche - in Oberösterreich wird für die Nutzung der Geothermie nun 2700 Meter in die Tiefe gebohrt. (Kerstin Scheller, DER STANDARD; Printausgabe, 17.2.2011)

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