Butterfett unterm Bett

  • Im Rahmen von Ger to Ger helfen Touristen den Nomaden bei der Arbeit.

Foto: Klaus Halama / pixelio.de
    foto: klaus halama / pixelio.de

    Im Rahmen von Ger to Ger helfen Touristen den Nomaden bei der Arbeit.

    Foto: Klaus Halama / pixelio.de

  • Die Nomadenfamilien profitieren direkt vom Tourismus.
Foto: Ueli Gubler / pixelio.de
    foto: ueli gubler / pixelio.de

    Die Nomadenfamilien profitieren direkt vom Tourismus.

    Foto: Ueli Gubler / pixelio.de

  • Anreise & Unterkunft:
Ab Innsbruck oder Wien mit Aeroflot über Moskau nach Ulan Bator, mit Air China ab München über Beijing.
Homestays bei Nomaden: Ger to Ger bietet Aufenthalte bei Nomadenfamilien in mehreren Gegenden des Landes an, bei denen man Lebensalltag und Kultur der mongolischen Nomaden kennenlernen kann. Bei der fünftägigen Tour "Learn how to make nomadic dairy products" in der Bulgan-Provinz (ca. vier Autostunden westlich der Hauptstadt Ulan Bator) erfährt man alles über traditionelle nomadische Milchprodukte (260 Euro im Jeep, bei Anreise mit Bus und Dorftaxi nur 200 Euro, Guide/Übersetzer zusätzlich ca. 90 Euro, ).
Weitere Informationen: www.mongoliatourism.gov.mn
    grafik: der standard

    Anreise & Unterkunft:

    Ab Innsbruck oder Wien mit Aeroflot über Moskau nach Ulan Bator, mit Air China ab München über Beijing.

    Homestays bei Nomaden: Ger to Ger bietet Aufenthalte bei Nomadenfamilien in mehreren Gegenden des Landes an, bei denen man Lebensalltag und Kultur der mongolischen Nomaden kennenlernen kann. Bei der fünftägigen Tour "Learn how to make nomadic dairy products" in der Bulgan-Provinz (ca. vier Autostunden westlich der Hauptstadt Ulan Bator) erfährt man alles über traditionelle nomadische Milchprodukte (260 Euro im Jeep, bei Anreise mit Bus und Dorftaxi nur 200 Euro, Guide/Übersetzer zusätzlich ca. 90 Euro, ).

    Weitere Informationen: www.mongoliatourism.gov.mn

Wer in der Mongolei bei Nomaden unterkommt, lernt kulturell und kulinarisch dazu. Für mongolische Familien bedeuten Besucher ein Zusatzeinkommen

Wir sehen die Jurten schon von weitem: zwei weiße Kreise in grüner Ebene, Pferde grasen in der Nähe, am Horizont wachsen die Khogno-Khan-Berge felsig aus der Steppe. Mit dem Jeep fahren wir über Wiesen und Hügel. Ankunft. Dulamsuren winkt uns hinein, eine Frau mit lachenden Augen, das Haar zu einem Zopf gebunden, über Trainingshose und Bluse trägt sie einen langen blauen Mantel mit goldener Borte, fleckig vom Melken.

Innen ein runder Raum, in der Mitte ein wuchtiger Eisenofen, ein Fernseher an einer Autobatterie, eine Altarecke mit Gebetsrolle, ein Dalai-Lama-Bild. Wir sollen uns aufs Bett setzen. Ihr Mann Battogtoh reicht uns zur Begrüßung eine Schale mit dünner, milchiger Flüssigkeit - vergorene Stutenmilch, Airag. Ich nehme einen Schluck, sie schmeckt säuerlich, erfrischend, gar nicht schlecht, nehme noch ein paar Schluck und reiche Battogtoh die leere Schale, er lächelt, das Eis ist gebrochen. Jetzt im Sommer, erzählt er, trinke er davon problemlos zehn Liter am Tag, das sei gesund. Kein Wasser? Er winkt ab, nur Airag und hin und wieder etwas selbst destillierten Milchwodka.

Battogtoh ist meist irgendwo in der Steppe unterwegs, mit schwerem Reitmantel, hohen Lederstiefeln und grüngrauem Filzhut bringt er die Herden zu den fetten Weiden und zum Saufen an den großen See im Tal. Dulamsuren kümmert sich um die Gäste, zeigt ihnen, wie man mongolischen Käse macht und getrockneten Quark, Eezgii. Und sie kümmert sich um die Stuten, die alle zwei Stunden gemolken werden müssen, damit sie viel geben. Einige tausend Mal muss sie die Milch mit einem Holzquirl schlagen, dann wird ein ordentlicher Airag daraus, wir dürfen gerne helfen. Ich schaffe gerade mal ein paar hundert Schläge, bis sich Blasen ankündigen.

Mittags gibt es Innereien. Battogtoh schaut uns mit durchdringendem Blick an, freundlich, aber prüfend. Sie haben ein Schaf für uns geschlachtet, seine Frau hat die Innereien gewaschen und aus dem Darm Würstchen gemacht, Leber, Magen, Herz und Niere gekocht und uns von allem etwas auf den Teller gelegt. Ich probiere zögerlich, greife zuerst nach den identifizierbaren Stücken. Es gibt keine Beilagen, nur den dickflüssigen Innereiensud in einer Trinkschale. Der schmeckt, wie er aussieht, nach eingekochtem Schaf. Ich versuche dennoch höflich zu schlürfen. Battogtoh nickt anerkennend und verschwindet durch die Jurtentür.

Eigene Jurte für zahlende Gäste

Zwei Tage sind wir bei der Nomadenfamilie zu Besuch, essen, was sie essen, und erleben, wie sie den harten Alltag verbringen. Seit vier Jahren empfangen Battogtoh und Dulamsuren Touristen aus aller Welt, sie haben eine zweite Jurte gekauft und drei Betten hineingestellt und ansonsten machen sie das, was sie vorher auch gemacht haben: Sie hüten Tiere - 58 Pferde, 23 Kühe, etwa 300 Ziegen, 400 Schafe und vier Kamele - und sie verarbeiten die Milch zu Quark, Käse, Joghurt, Butterfett oder Airag.

Der mongolische Reiseveranstalter Ger to Ger hat sich darauf spezialisiert, Aufenthalte bei einfachen Nomadenfamilien zu vermitteln. Die Touristen helfen ihnen bei der täglichen Arbeit (oder besser: Sie stören dabei) und wohnen in Filzjurten inmitten einer großartigen Landschaft, ohne Fließwasser, oft sogar ohne Toilette. Sie lernen, wie man filzt oder Bogen schießt, wie man die zweisaitige mongolische Pferdekopfgeige spielt oder die vielen traditionellen Milchspeisen zubereitet - wie bei Dulamsuren und Battogtoh, im südlichsten Zipfel der Bulgan-Provinz, sechs Autostunden westlich der Hauptstadt Ulan Bator.

Der erste Aufenthalt in der Steppe ist ein Kulturschock für jeden Nichtnomaden. Wer sich drauf einlässt, muss einen Vorbereitungskurs in den Büros von Ger to Ger in Ulan Bator machen, um nicht in jedes Fettnäpfchen zu treten. Selbst dann ist es nicht einfach, alles richtig zu machen. Es gibt zu viele Regeln. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich sie breche. Die Füße achtlos zum Altar ausstrecke oder beim Hineingehen in die Jurte auf die Holzschwelle trete, mir am besten gleichzeitig noch den Kopf am Türbalken stoße. Sollte man nicht. Es steht alles in der Broschüre, die man von Ger to Ger bekommt: ja nicht gegen Wände oder Balken der Jurte lehnen, drinnen nicht pfeifen, dafür aber gerne den Hut aufbehalten; dass man Essen mit der rechten Hand annehmen und den Ellbogen dabei mit der linken abstützen sollte; und dass man unbedingt alles probieren sollte, auch wenn sich einem schon beim Anblick der Magen umdreht - wenigstens ein symbolisches Knabbern oder Nippen. Sitzt man dann zum ersten Mal in einer Jurte und spürt die Blicke der Gastgeber, ist man so aufgeregt, dass man die Hälfte wieder vergisst. Drehe ich den Deckel des Schnupftabakdöschen nun links oder rechts herum? Wieder falsch. Betretenes Schweigen. Zum Glück sind sie nicht nachtragend, haben sich an die Tölpelhaftigkeit der Touristen schon gewöhnt.

Fleisch trocknet unterm Dach

Dulamsuren macht heute Khailmag, eine Delikatesse der Steppe. Sie erhitzt fetten Rahm in einem Eisentopf über dem Feuer, rührt Mehl und Zucker unter und schöpft die zähflüssige Masse auf einen Teller, serviert ihn mit Boortsog, fett gebackenen Krapfen, und mongolischem Milchtee, Suutei Tsai. Der Khailmag wird warm gegessen und schmeckt leicht karamellisiert, köstlich. Draußen versinkt die Sonne rot in der Steppe, der Abend wird blau und kalt. Battogtoh reitet hinaus, er bleibt heute Nacht bei den Schafen, wegen der Wölfe. Dulamsuren treibt die Stuten zusammen, melkt sie noch einmal vor der Nacht. Danach sind die Ziegen dran, und sie muss noch das Schaffleisch zerschneiden, das zum Trocknen unterm Jurtendach hängt. Sie zieht eine Filzdecke über das Loch im Jurtendach, gegen die Kälte der Nacht, und legt ein paar Pferdeäpfel nach, um das Feuer im Ofen anzuheizen. Wir kriechen in die Schlafsäcke.

Ger to Ger wurde 2005 gegründet, um Nomaden durch Beteiligung am Tourismus eine alternative Einkommensquelle zu verschaffen, ohne dabei die traditionelle Viehwirtschaft zu verdrängen. Mittlerweile ist ein nachhaltiges Tourismusprojekt daraus geworden, mit mehr als 70 Gastfamilien in verschiedenen Provinzen - in touristischen Gebieten wie dem Terelj-Nationalpark nahe Ulan Bator und weniger besuchten Gegenden, wie dem Ikh-Nartiin-Chuluu-Naturschutzgebiet im Südosten. Es ist keine inszenierte Folklore, sondern das reale Leben moderner Nomaden in der Mongolei - irgendwo auf halbem Weg zwischen jahrtausendealten Traditionen, Satellitenschüsseln und Mobiltelefonen. Viele Familien haben heute Solarpaneele zur Stromversorgung und Motorräder, um nicht wegen jeder Erledigung stundenlang in den nächsten Ort reiten zu müssen. Auch im Kleinen hat sich viel verändert, der Airag wird heute in Plastiktonnen geschlagen statt wie früher in Ledersäcken. Doch vieles ist geblieben. Unter den Dachstreben der Jurte hängen die zu Kordeln gedrehten Schweifhaare der verkauften Pferde, unterm Bett liegt das Butterfett für den Winter in gestopften Kuhmägen.

Früher haben Battogtoh und Dulamsuren nur Geld verdient, wenn sie Wolle, Kaschmir, Leder oder Hartkäse verkaufen konnten. Jetzt erhalten sie Geld für jeden Touristen - im Sommer kommen manchmal 30 oder mehr im Monat. "Mit dem Einkommen konnten wir unsere Söhne zur Schule und zur Universität schicken", sagt Battogtoh. Die Kamele haben sie für die Touristen gekauft und das Motorrad, um Wasser vom Brunnen holen. "Das Leben ist besser geworden für uns." (Mirco Lomoth/DER STANDARD/Rondo/18.02.2011)

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