Schmerzmittel

Erwartung an Therapie bestimmt Wirkung

17. Februar 2011, 11:36
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    foto: apa/heiko wolfraum

    Allein die Erwartung auf eine schmerzlindernde Therapie, lässt die Schmerzintensität sinken.

Negative Erwartung und Angst vor Schmerzen heben den Effekt eines Medikamentes auf - Expertin erhofft sich Hilfe für chronische Schmerzpatienten

Eine Schmerztherapie wirkt deutlich besser, wenn Patienten sich viel von der Behandlung versprechen. Haben sie dagegen keine oder gar eine schlechte Erwartung an die Therapie, wird der Schmerz nur wenig bis gar nicht gelindert. Dieses Phänomen hat Ulrike Bingel, Neurologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), jetzt in einem Beitrag für die Zeitschrift Science Translational Medicine beschrieben. Vor allem für chronische Schmerzpatienten, so Bingel, können die Erkenntnisse von großer Bedeutung sein.

22 gesunde Probanden zwischen 20 und 40 Jahren hat die UKE-Wissenschaftlerin mehrfach für einige Sekunden einem kontrollierten Hitzereiz ausgesetzt, der zu einem mittleren bis starken Schmerz (durchschnittlich 70 auf einer Skala von 0 bis 100) führte. Während des Versuchs erhielten die Testpersonen mittels Infusion ein stark wirksames, opioidhaltiges Schmerzmittel (Remifentanil) in drei verschiedenen Bedingungen: In der ersten bekamen die Probanden das Schmerzmittel in einer „verdeckten" Infusion, rechneten also nicht mit einer Schmerzlinderung. Die Schmerzintensität sank auf etwa 60 von 100. „Wenn wir den Probanden dann in der zweiten Bedingung mitteilten, dass ihnen jetzt das Medikament verabreicht wird, verdoppelte sich der schmerzlindernde Effekt der identischen Medikamentendosierung", erklärte die UKE-Wissenschaftlerin. Die Schmerzintensität sank in der Erwartung einer Behandlung auf unter 50.

Zurück zum Ausgangswert

Gänzlich aufgehoben dagegen wurde der schmerzlindernde Effekt des potenten Schmerzmittels, wenn den Probanden in der dritten Bedingung gesagt wurde, dass sie keine Therapie mehr erhielten und es gleich stärker schmerzen könnte. Obwohl ihnen ohne ihr Wissen weiter das Analgetikum verabreicht wurde, schnellte die Schmerzintensität wieder auf den Ausgangswert an. Bingel: „Die negative Erwartung und die Angst vor dem Schmerz haben den Effekt des Medikament vollständig zerstört. Der Schmerz war bei den Probanden genauso stark, als hätten sie überhaupt kein Medikament bekommen. "

Unterstrichen wurde dies durch zeitgleich vorgenommene Untersuchungen mit der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT), mit der die Schmerzverarbeitung im Gehirn sichtbar gemacht werden kann. „Relevante Schaltstellen des schmerzverarbeitenden Systems, die wie ein Wasserstandmelder anzeigen, ob der Proband gerade viel oder wenig Schmerz aushalten muss, haben gezeigt, dass die persönliche Erwartung den Effekt des Medikaments beeinflusst." Mehr noch: Glaubte der Proband an die Wirkung der Behandlung, wurde das körpereigene schmerzhemmende System aktiviert und verstärkte so die schmerzlindernde Wirkung des von außen zugeführten Schmerzmittels. 

Bedeutsam für chronischen Schmerz

Bingel hält die neuen Erkenntnisse insbesondere für die Behandlung chronischer Schmerzpatienten für bedeutsam: „Vielen von ihnen konnte über Jahre nicht geholfen werden; sie sind verzweifelt und ängstlich, haben kein Vertrauen mehr in die Medizin. Jetzt wissen wir, dass auch die negativen Erwartungen an die Therapie deren Erfolg beeinträchtigen und die Wirkung von eigentlich potenten Schmerzmitteln ungünstig beeinflussen kann. Dies sollte bei der Auswahl der Therapie künftig stärker berücksichtigt werden. Hierbei kann es schon helfen, Patienten intensiver und gezielter über ihre Erkrankung und Behandlungen aufzuklären, um positive Erwartungen zu wecken und negative zu vermeiden." Zukünftige klinische Studien sollten versuchen, die Wechselwirkung aus Medikamenten und körpereigenen Regulationsmechanismen zu optimieren, um für Patienten den maximalen Erfolg einer Therapie zu erreichen, so UKE-Wissenschaftlerin Bingel. (red)

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15 Postings
joh CtgVerlag
01
18.2.2011, 08:08
Vollkommen klar ist, dass...

...bei jeder veröffentlichten Studie genau das Ergebnis herauskommt, welches man will. Und das egal, ob es sich um Medizin, Physik, Chemie oder Psychologie handelt. Man will nur das sehen, was man sehen will !
Und wenn es einmal nicht so aussieht, dann biegt man sich das Ergebnis so lange, bis es so aussieht.
Die Studien, die ein negatives Ergebnis haben( genauso wie Gutachten), werden kaum veröffentlicht, da sie den Bestellern kein Geld bringen.
Erst wenn ich diese Tatsache des menschlichen Wollens akzeptiere und in meine Forschungsergebnisse einfließen lasse, weiß ich, dass ich als subjektiver Mensch handle.
Mich würde freuen, wenn jemand einmal eine objektive Bewertungsqualität finden würde. Bisher ergebnislos....

ridgero
00
17.2.2011, 21:41

Und wieviele der 22 Testobjekte wurden unter Remifentanil atemdepressiv? :D

Okin37
12
17.2.2011, 12:49
Komisch, Placebos in der Schulmedizin?

Aha - nicht nur die Wirkung von Homöopathika kann auf Placebo-Effekte zurückgeführt werden - es ist halt alles nur Einbildung (oder nicht?)

Birgit 68
00
20.2.2011, 21:33

Eine positive Erwartungshaltung hat sicher eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt, wenn sich ein Medikament als wirksam erweist. Genauso wie in der Homöopathie gelegentlich eine negative Erwartungshaltung im Spiel ist, wenn sie nicht wirkt.

Got Your Noes!
00
17.2.2011, 22:57

wenn man ein bisschen medizinische chemie gehabt hat, weiß man schon wie und warum medikamente wirken, und wo der placeboeffekt aufhört.

Birgit 68
00
20.2.2011, 18:37
Falsch!

Der Placeboeffekt muss in jeder ernst gemeinten Wirksamkeitsstudie untersucht werden. Andernfalls gilt eine Wirkung nicht als verifiziert.
Def.: Der Placeboeffekt ist der positive Blindwert (Wirkung ohne Verabreichung des Medikaments), der bei Wirksamkeitsstudien vom Ergebnis abgezogen werden muss, um eine Wirkung dem Medikament zuordnen zu können.

fertigprodukt
11
17.2.2011, 14:20

lt. manchen studien beruht bis zu 80% der wirkung aller medikamente auf dem placeboeffekt. das hören die pharmalobbyisten aber nicht gerne.

C R3
00
18.2.2011, 10:19

Die Ergebnisse der Studie sind an und für sich schon lange bekannt. Auch bekannt ist, dass gerade bei Schmerzen Placebos besonders gut wirken. Da sehr viele Krankheiten/Verletzungen mit Schmerzen einhergehen, ist der Effekt natürlich mindestens dort immer vorhanden. Darum gibt es unter anderem ja auch die Kontrollgruppe bei Studien, um zu testen, ob ein Effekt jenseits von Placebo vorliegt.

JayneCobbs
00
20.2.2011, 12:52

Das hängt auch nicht unmaßgeblich davon ab, inwieweit der Verschreibende Arzt selbst an die Wirkung glaubt. Also wenn er absichtlich Placebos gibt, wird es schlechter wirken, als wenn er selbst nicht weiß, dass er Placebos gibt!
Sehr sehr interessant diese Placebo-Wirkung!

Birgit 68
00
20.2.2011, 18:44

Das ist ja auch der Sinn von Doppelblindstudien!
"Doppel" heißt, dass weder der Patient noch der behandelnde Arzt wissen, was das Medikament ist und was das Placebo.

JayneCobbs
00
20.2.2011, 19:10

Ich hab eine gewisse Ahnung davon was es bedeutet, danke! nur wenn der Arzt weiß, dass 50% davon Placebos sind, waren die Ergebnisse wiederrum anderes, als wenn er es nicht wusste.

Birgit 68
00
20.2.2011, 21:25

Interessant!
Aber noch viel interessanter als das ist die Frage, ob die Patienten in der Hausarztpraxis überhaupt darüber aufgeklärt werden, dass sie sich gerade in einer Studie befinden? Was ich so mitbekommen habe (Mein Hausarzt hatte den Vertreter der Pharmazie damals wieder weggeschickt. Warum wohl? Sicher nicht deshalb, weil seine Patienten es sich aussuchen hätten können, ob sie an der Studie teilnehmen oder nicht!) ist das gar nicht mal so sicher!

JayneCobbs
00
20.2.2011, 21:38

Also das dürften eher Einzelstudien sein, und keine größer angelegten. Vor allem da die Ethikkommissionen schon recht genau schauen, dass der Pat. keine Nachteile dadurch erleiden könnte.

Buchtipp: "Die Wissenschaftslüge - Ben Goldacre"

Got Your Noes!
00
17.2.2011, 22:58

was manche studien so sagen...die überwältigende zahl der studien kommt zum schluss dass der placeboeffekt enge grenzen hat. etwas grundwissen biochemie reicht schon um sich das zu verdeutlichen.

ridgero
00
17.2.2011, 21:44

Die Psychatrie wuerde ohne Placebos arm dran sein. Btw 22 Personen sind gar etwas wenig fuer eine quantitative Studie.

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