Das zerstörte Urvertrauen in die Welt

17. Februar 2011, 08:50
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Die Gruppenpsychoanalytikerin Bibiane Ledebur erzählt über ihre Arbeit mit Kriegs- und Folterüberlebenden

Trauma ist nicht nur eine psychische Kategorie, sondern mitunter auch eine rechtliche, nämlich dann, wenn es darum geht, ob traumatisierte AsylwerberInnen Anspruch auf Asyl haben. Ledebur arbeitet bei Hemayat, ESRA und Caritas und spricht mit daStandard.at über die gesellschaftliche Verantwortung von PsychotherapeutInnen und darüber, wie die Begegnungen in der Psychotherapie ihre Wahrnehmung der Dinge verändert haben.

daStandard.at: Trauma, traumatisiert - diese Begriffe haben inzwischen in die Alltagssprache Eingang gefunden und werden manchmal leichtfertig verwendet, ohne dass dabei auf die eigentliche Bedeutung wirklich Bezug genommen wird. Wie kann man sich denn eine posttraumatische Belastungsstörung wirklich vorstellen? Wie sehen die Symptome bei den Betroffenen aus?

Bibiane Ledebur: Das Kernmerkmal sind sogenannte Intrusionen, das heißt, dass sich plötzlich Gedanken und Erinnerungen aufdrängen und einschieben, über die man keine Kontrolle hat. Der Mensch erlebt plötzlich unmittelbar Emotionen, die eigentlich nicht im Zusammenhang damit stehen, was hier und jetzt passiert.

Solche Intrusionen können auch nach Jahrzehnten noch vorkommen. Die Menschen können auch noch nach fünfzig Jahren schwere Symptome aufweisen, obwohl seit dem Zeitpunkt der Traumatisierung sehr viel Zeit vergangen ist. Menschen, die als Kinder traumatisiert wurden, sind besonders gefährdet - wenn das Trauma zuschlägt, während die fragilen Strukturen erst im Aufbau sind.

daStandard.at: Als Psychotherapeutin arbeiten Sie mit Ihren Patienten an der Überwindung eines Traumas oder Traumata. Kann ein psychisches Trauma über ein menschliches Leben hinausgehen und auf die nächste Generation übergreifen?

Ledebur: Die transgenerationale Weitergabe findet sehr früh statt, durch Identifikation, und die Betroffenen haben keine Wahl. Es gibt sehr interessante Langzeitstudien, zum Beispiel von Hans Keilson und die Bulldogs Bank Studie.

daStandard.at: Viele Ihrer Patienten sind Asylwerber. Welche Rolle spielt die Expertise von PsychotherapeutInnen und PsychiaterInnen im österreichischen Asylwesen?

Ledebur: Das Expertenwissen wurde durch die Gesetzgebung inzwischen sehr entwertet. Früher hat der Befund einer Posttraumatischen Belastungsstörung die Abschiebung oder die Schubhaft verhindern können. Inzwischen hat das keine zwingenden Folgen mehr. Ich beobachte aber, dass im ordentlichen Asylverfahren unsere Befunde das Verfahren erleichtern.

daStandard.at: Inwiefern erleichtert ein psychotherapeutischer Befund das Asylverfahren?

Ledebur: Ein Interview bei einer Behörde kann für traumatisierte Menschen schwer auszuhalten sein. Diese Menschen haben vielleicht ein Problem mit Autoritäten, Hierarchien, Uniformen, Richtern, Staatsgewalt. Man muss sich das so vorstellen, dass jemand, der gefoltert worden ist, in einen panischen Zustand geraten kann, wenn eine Situation durch die Sitzordnung und durch die Art der Gesprächsführung Assoziationen an die Foltersituation weckt, wo es ja vielleicht auch einen Netten gegeben hat, einen Verführer einerseits, und einen Quäler andererseits. Eine solche Situation kann Aggressionen oder Ohnmacht oder Dissoziationen hervorrufen, was vom Richter als Störung des Verfahrens empfunden wird, das ist aber eine Verkennung.

Wir bekommen oft zu hören, dass die Richter es als unglaubwürdig erachten, wenn Klienten unzusammenhängend erzählen oder in ihrer Datierung nicht exakt sind. Aber das kann auch ein Symptom von einer posttraumatischen Belastungsstörung sein, dass der Mensch nicht in der Lage ist, seine Geschichte von A bis Z chronologisch nachzuerzählen. Im Gespräch mit einem Therapeuten ist das leichter als in einer behördlichen Situation.

daStandard.at: Ist es nicht auch so, dass die Beamten bei den zuständigen Behörden misstrauisch sein müssen, um ihren Arbeitsauftrag zu erfüllen?

Ledebur: Ich denke, der menschliche Faktor ist da ganz wichtig. Die Gesellschaft verdrängt den Umstand, dass es andernorts Folter und Ermordung als Teil des Rechtssystems gibt. Durch Folter wird das Urvertrauen in die Welt zerstört. Folter muss man sich vorstellen als einen Zusammenbruch jeglicher Selbstwirksamkeit. Für die Beamten ist es belastend und verwirrend, daran zu denken, dass es einen solchen psychotischen Kosmos geben kann, in dem es keinen Schutz, keine Gesetze und keine Zeugen gibt, das muss der Mensch irgendwo auch abwehren, sonst kann er nicht arbeiten. Bis zu einem gewissen Grad tun wir das alle.

daStandard.at: Auch die Psychotherapeuten?

Ledebur: Die gesellschaftliche Funktion der Psychotherapeuten kann darin bestehen, stellvertretend anzuerkennen, was passiert ist. Und nicht einfach zu sagen, „Sie haben Migräne". In meiner Jugend habe ich es nicht einmal ausgehalten, eine Broschüre von Amnesty International zu lesen, mir hat das Angst gemacht, ich wollte das alles nicht wissen. Für traumatisierte Menschen ist eine Therapie sehr wichtig.

daStandard.at: Wie wichtig ist es für Sie, über die Herkunftsländer Ihrer Klienten Bescheid zu wissen?

Ledebur: Die Kenntnis der Geschichte des Landes ist wichtig. Als Therapeut muss man die Worte in ihren Bedeutungen gut verstehen, das private, gesellschaftliche und politische Umfeld gut kennen, damit man das Unbewusste ans Bewusstsein befördern kann, damit es fließen kann.  Therapie ist ein hierarchisches Verhältnis, das primär davon lebt, dass dem Therapeuten Wissen unterstellt wird. Aber ein Therapeut, der wirklich glaubt, dass er weiß, ist auf verlorenem Posten. Der Therapeut muss diesen Wind des Vertrauens wie ein Segler annehmen, aber er darf diesem Trug nicht erliegen. Er muss in diesem Nichtwissen und in der Neugierde bleiben. In dem Moment wo du als Therapeut glaubst, ich weiß ja eh alles, ich weiß, wie es geht - funktioniert es nicht mehr, denn es geht um das Wissen des Patienten, und darum, welche Bedeutungen der Patient den Begriffen zuschreibt. Der Therapeut soll den Patienten helfen, selbst auf sein Wissen zuzugreifen.

daStandard.at: Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit mit fremdsprachigen Klienten von Ihrer Arbeit mit deutschsprachigen Klienten?

Ledebur: Das ist ein Notbehelf, dass wir über Dolmetscher, die meist auch nicht in der Muttersprache mit den Klienten reden können, arbeiten müssen. Es funktioniert erstaunlich gut, solange man sich als Therapeut sehr gut mit der Dolmetscherin versteht und diese ein profundes Verständnis und Achtung vor Psychotherapie mitbringt. Es ist ein bisschen wie ein Ballett, man muss gut abgestimmt sein aufeinander. Das ist eine hohe Anforderung an die Übersetzerin, und sie muss auch sehr viel mit aushalten können, all die grauenvollen Erlebnisse, die sie zu hören und sagen bekommt. (Mascha Dabić, 17. Februar 2011, daStandard.at)

  • Die Gruppenpsychoanalytikerin Bibiane Ledebur arbeitet derzeit bei der Caritas, bei ESRA und in Hemayat.
    foto: privat

    Die Gruppenpsychoanalytikerin Bibiane Ledebur arbeitet derzeit bei der Caritas, bei ESRA und in Hemayat.

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