Der Güssinger Floh im Ohr der Welt

16. Februar 2011, 20:00

Im Südburgenland forscht und baut man an einer dezentralen Energiezukunft

Güssing - Als Hans Niessl zum burgenländischen Landeshauptmann gewählt wurde, im Dezember 2000 war das, plagte ihn etwas, das andere Sozialdemokraten vor ihm als behandlungswürdiges Symptom diagnostiziert hatten. Hans Niessl hatte eine Vision. Bis 2013 sollte sich das Burgenland - bis dahin als Energieerzeuger nicht in Erscheinung getreten - selbst versorgen können, und zwar mit "erneuerbarer Energie".

Heute, 2011, lacht niemand mehr darüber. Und schon gar keiner ruft nach dem Arzt. In zwei Jahren, sagt Hans Niessl, wird das windradgesättigte Burgenland tatsächlich "stromautark" sein, 2020 dann endgültig"energieautark".

Den visionären Floh in des Landeshauptmanns Ohr gesetzt hat wohl Reinhard Koch, den sie mittlerweile "Mister Biomasse" nennen. Koch ist Leiter des europäischen Zentrums für erneuerbare Energie im südburgenländischen Güssing, wo sich in einem 1:1-Modell besichtigen lässt, wie die Welt nach der Energiewende aussehen könnte.

Und tatsächlich schaut die ganze Welt vorbei in Güssing. Ein eigenes Hotel hat man bauen müssen für die zahlreichen Delegationen aus aller Herren Länder. Ingenieure und Forscher, Kommunalpolitiker und Energiebeauftragte - bis zu 400 Menschen pro Woche kommen in die 4000-Einwohner-Stadt, um sich die Sache im Detail erklären und damit auch den Floh ins Ohr setzen zu lassen.

Die Güssinger Sache ist eigentlich watscheneinfach, aber wie vieles Einfache gleichzeitig hochkompliziert. Denn eigentlich, so meint es Reinhard Koch, sei die Umstellung auf erneuerbare Energie weniger ein technisches als ein politisches Problem.

Herunterrechnen 

Es gelte bloß, die bislang stets zentral gedachte Energieerzeugung aufs Regionale herunterzurechnen und sie so zu organisieren, wie seit jeher die Wasserversorgung, die Abwasser- und die Müllentsorgung organisiert sind. "Warum soll das nicht auch bei Energie funktionieren?" Vor allem darin will Güssing ein Modell sein. In der Stadt funktioniert es längst, jetzt soll die gesamte Region energieautark werden.

Wie das möglichst sinnvoll und effizient ins Werk gesetzt wird, ist die umfassende Fragestellung im europäischen Zentrum für erneuerbare Energie, das sich zu einem einschlägigen europäischen Forschungs-Hotspot gemausert hat. Hier ist es 2008 einem schweizerisch-österreichischen Forscherteam unter Federführung der TU Wien erstmals gelungen, reinstes Methangas aus Holz herzustellen.

Die Ein-Megawatt-Anlage, in der die industrielle Umsetzung erarbeitet und erprobt wird, wurde allerdings Anfang 2011 in den Insolvenzstrudel des schweizerischen Partners gerissen. Dieser Tage entscheidet sich die Zukunft des Prototyps. Das internationale Interesse daran war jedenfalls enorm. So plant die Stadt Göteborg eine solche Anlage im Ausmaß von 100 Megawatt.

Dieser Erdgasersatz, der sich problemlos ins bestehende Netz einspeisen lässt, wäre auch Ausgangsprodukt von "Biokraftstoffen der zweiten Generation". Auch daran arbeitet Güssing. Anders als die diesbezüglich ebenfalls engagierten Ölkonzerne setzt man dabei wiederum auf kleine Anlagen, weil sich bei solchen durch die Mehrfachnutzung der Wirkungsgrad entscheidend erhöht.

Nein, nicht nur deshalb, darauf verweist Reinhard Koch immer wieder. Güssing war bis weit in die 1990er-Jahre ökonomisches Notstandsgebiet. Jahr für Jahr flossen allein für Energie 36 Millionen Euro hinaus, heute bleiben 20 im Bezirk. 1000 neue Arbeitsplätze entstanden, die Kommunalsteuereinnahmen der Stadt stiegen von 400.000 Schilling im Jahr 1990 auf 1,5 Millionen Euro. Mit Bill Clinton: "It's the economy, stupid." (wei, DER STANDARD Printausgabe, 17.2.2011)

Mathias
 
00
21.2.2011, 10:01
Im Südburgenland forscht und baut man an einer dezentralen Energiezukunft

Sehr informativ ist auch, daß die ETH Zürich seit Jahren in Güssing ein Labor betreibt!

Da wird vor allem für eine effizientere Aufbereitung von Holzgas für Haushalt und KFZ Bereiche geforscht.

( http://www.swissworld.org/de/umwelt... s_und_lpg/ )

( http://www.blt.bmlf.gv.at/vero/mnawa/nr32.pdf )

ResiStant
14
19.2.2011, 10:24

Ich kann man Güssinger Modell nichts negatives erkennen. Ja, vielleicht "rechnet" es sich nicht in kurzer Zeit und vielleicht waren die Investitionen und der Umsatz nicht im Verhältnis. Aber es ist nichtsdestotrotz sowas wie Österreichs Leuchtturmprojekt in Bezug auf Erneuerbare Energie im örtlichen bzw. regionalen Bereich. Allein dafür und für das technische Renomée, das sie sich erarbeitet haben, war es die Investition wert.
Und die Produktion von reinem Methangas aus Biomasse, und damit CO2-neutral, ist auch kein Fehler.

Tipster
90
21.2.2011, 10:14

Solche "Leuchturmprojekte" sind reines Geldverheizen.

Franz Iskaner
 
00

tipster, du willst einfach nur lustig sein, stimmts?

Gustav Albrecht
43
17.2.2011, 08:44
Vorbild Güssing???

Um das "Vorbild" Güssing verstehen zu können, soll man sich auch die Investitionen anschauen. Insgesamt wurden (dank sehr hoher Förderungen!!) rund 70 Mill. € investiert - der Umsatz (und nicht der Gewinn) liegt bei 13 Millionen Euro. Selbst bei der Annahme von 10% Gewinn und 50% Förderung rechnet sich dass in 50 Jahren nie!!!!
Nachzulesen in http://www.trend.at/articles/... t-guessing

Leider lassen aus meiner Sicht auch Beratungsleistungen an Gemeinden wo der "Güssinger Weg" übertragen wird, zu wünschen übrig. Aus meiner Sicht werden hier zu hohen Kosten Texte zusammenkopiert....schadet nur der Sache.

cheeseman
03
24.2.2011, 13:33

War selber schon in Güssing und habe mir das Konzept angesehen, und wir sind überall herum gefahren, zu allen Anlagen die in der Region schon stehen, auch zum Methanisierungs.Prototypen mit Bio-Sprit 2ter Generation, also dass die Beratung schlecht sei, habe ich anders gesehen.

Und zweitens, es muss sich nicht alles wirtschaftlich rechnen, damit es Sinn macht! ;)
Solche Rechtfertigungen sollten uns viel mehr zum Nachdenken bringen, wenn wir unsere Sicht auf die Welt so eng gesteckt haben.

Mathias
 
00
23.2.2011, 09:58
wenn von Heute auf Morgen der Öl / Gashahn zugedreht wird...

... dann wird Güssing nicht so schlecht dahstehen wie der Rest von Ö ;-)

Ach, und Lybien ist aktuell Österreichs Ölhahn. Jetzt müsste nur Putin wieder mal am Gashahn drehen ...

Heavyweather
11
17.2.2011, 22:47

Sie haben sich einfach übernommen und lagen auch strategisch manchmal daneben.
Als Forschungsstandort aber durchaus Erfolgreich.
Dafür sind die Förderungen auch gerechtfertigt.

Was bleibt ist die Technologie.

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