"Was? Bobfahrerin?"

17. Februar 2011, 11:35
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Bob-Pilotin Christina Hengster über die anstehende WM und Motivation in einer unbeachteten Sportart

Die alpine Ski-WM ist noch nicht einmal beendet, da eröffnet Deutschland schon die nächsten Weltmeisterschaften. Ab Donnerstag kürt der Internationale Bob- und Schlittenverband in Königssee seine Weltmeister. Mit dabei im Zweierbob auch die Tirolerin Christina Hengster. Die Pilotin des jungen Bobteam Hengster spricht im Interview mit Matthias Köb über die Zielsetzung für die WM, fehlendes Interesse in Österreich und „zufällige Bobfahrerinnen".

derStandard.at: Sie waren zuvor Hammerwerferin, jetzt sind Sie Bob-Pilotin. Wie kommt man als junge Frau auf solche Sportarten?
Christina Hengster: Ich hab mit 18 Jahren als Anschieberin angefangen. Meine damalige Pilotin hat dringend jemanden gesucht und ist auf mich als Leichtathletin gekommen. Ich bin als Kind auch Ski gefahren, aber dann waren es eben Zufälle, dass ich bei solchen Sachen hängen geblieben bin. Es war kein Kindheitstraum.

derStandard.at: Kommt man oft durch Zufall zu diesem Sport?
Christina Hengster: Zumindest bei unserem Team war es definitiv so. Da sind alle irgendwann gefragt worden, ob sie Lust hätten einmal mitzufahren, haben es probiert und sind dabei geblieben.

derStandard.at: Reagieren die Leute mitunter komisch, wenn man sich als Bobfahrerin und ehemalige Hammerwerferin vorstellt?
Christina Hengster: Ob man es als komisch bezeichnen kann, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall nicht negativ. Aber es ist schon meistens so, dass noch einmal nachgefragt wird: ‚Was? Bobfahrerin?‘ Man merkt auch, dass viele in Österreich über den Sport nicht wirklich Bescheid wissen. Die meisten zeigen sich dann aber sehr interessiert und wissbegierig.

derStandard.at: Was muss man mitbringen, um als Damen-Bob-Team Erfolg zu haben?
Christina Hengster: Ein 50-Kilo-Mädel hat im Bobsport nichts zu suchen. Man muss schon groß und kräftig sein. Für die Anschieberin ist die Schnelligkeit natürlich sehr wichtig, um den Bob in Bewegung zu setzen. In der Bahn ist viel Erfahrung notwendig, die gerade uns als junges Team derzeit noch fehlt. Man braucht auch viel Feingefühl.

derStandard.at: Kann man sagen welcher Part wichtiger ist, die Pilotin oder die Anschieberin?
Christina Hengster: Es sind drei Komponenten die sehr wichtig sind. Zum Einen natürlich der Start. Wenn man dort zu weit hinten ist, sind die Möglichkeiten schon begrenzt. Ich als Pilotin muss dann auf der Bahn das Optimale herausholen. Aber auch das Material ist sehr wichtig.

derStandard.at: Wie groß ist Ihr Zeitaufwand?
Christina Hengster: Im Winter ist es ein Fulltimejob und im Sommer steht tägliches Athletik-Training auf dem Programm. Das dauert aber nicht den ganzen Tag. Da hat man auch Zeit für andere Sachen. Im Herbst müssen auch noch Materialfragen abgeklärt werden. Der Zeitaufwand ist also schon sehr groß.

derStandard.at: Wie lässt sich das mit ihrer Ausbildung bzw. einem Studium verbinden?
Christina Hengster: Während des Studiums habe ich mir einfach selbst meine Freiräume genommen. Jetzt bin ich seit Jänner auf der Polizeischule, dort gibt es eine Spitzensportklasse. Die Ausbildungszeit dauert zwar doppelt so lange wie gewöhnlich, dafür bekommen wir diverse Freistellungen, um den Sport auszuüben.

derStandard.at: Wie finanzieren Sie das Ganze?
Christina Hengster: Wer etwas verdienen will, sollte in Österreich wahrscheinlich Skifahrer oder Fußballer werden. Da ist man schon ein Idealist, wenn man diesen Sport macht. Geld braucht man natürlich besonders für das Material. Das decken wir zum größten Teil selbst ab, mit ein wenig Unterstützung vom Verband. Die Trainer werden vom Österreichischen Bob- und Skeleton-Verband finanziert.

derStandard.at: Mit der Sponsorensuche dürfte es aufgrund der geringen Popularität eher schwierig sein?
Christina Hengster: Ja. Wir haben ein paar Sponsoren, aber das ist natürlich alles im kleineren Bereich. Wir sind froh wenn wir ein bisschen was kriegen. Man muss es sich einfach selbst zusammen suchen. Aber bis jetzt hat das eh ganz gut geklappt.

derStandard.at: Sie haben gesagt, man muss eine Idealistin sein, um diesen Sport zu machen. Wird man als Bobfahrerin oft belächelt?
Christina Hengster: (lacht) Kann gut sein. Zu mir direkt hat allerdings noch nie jemand etwas Blödes gesagt. Aber wir haben auch ganz andere Anforderungen an den Sport als beispielsweise ein Fußballspieler. Man macht es einfach wegen dem Sport an sich. Um Erfolge zu feiern und weil man Spaß am Training hat.

derStandard.at: Sie haben auch einen Fan-Club ins Leben gerufen, wie geht es mit dem Projekt voran?
Christina Hengster: Recht gut. Wir versuchen im Freundes- und Verwandtenkreis ein wenig die Werbetrommel zu rühren. Es ist wichtig dass man die Leute dazu motivieren kann auf die Bahn zu kommen, zuzuschauen und sich für den Sport zu interessieren.

derStandard.at: Wie viele Zuschauer werden bei einem Bob-Großereignis erwartet?
Christina Hengster: In Königssee dürften schon einige Zuschauer sein. Sie haben auch eine Kooperation mit den Schulen, um die Klassen zu motivieren an die Bahn zu kommen. Ich kann jetzt keine Zahlen nennen, aber ich denke, da wird sicher was los sein. Die Deutschen verkaufen es auch einfach besser. Bei uns ist der Bobsport in den Medien viel weniger präsent. Deshalb ist es schwierig, bei einem Event im eigenen Land etwas Großes daraus zu machen.

derStandard.at: Blickt man da neidisch auf die Ski-WM, die in Österreich natürlich sehr präsent ist?
Christina Hengster: Manchmal findet man es schon schade, dass nicht mehr Interesse da ist. Aber man muss sich auf sich selber konzentrieren. Es bringt nichts, ständig irgendwo anders hinzublicken und zu sagen, so will ich es auch haben.

derStandard.at: Wie lautet die Zielsetzung für die WM?
Christina Hengster: Für uns ist die bisherige Weltcup-Saison eigentlich schon besser verlaufen als erwartet. Wenn wir brav starten und ich einen starken Lauf erwische, ergibt sich mit Sicherheit ein gutes Ergebnis. Wir sind im Training und auf einzelnen Abschnitten schnell. Aber wir müssen uns noch Zeit geben, um die Konstanz zu erreichen, die wir gerne hätten. Wir schauen jetzt, dass wir die Saison gut abschließen und uns noch einmal optimal präsentieren können.

derStandard.at: Ist bei einem Ideallauf auch eine Medaille im Bereich des Möglichen?
Christina Hengster: Nein, das wäre zu hoch gegriffen. Dafür sind wir einfach am Start noch zu weit weg. Mit einem Top-Ten Ergebnis wären wir schon hochzufrieden. (Matthias Köb, derStandard.at, 17. Februar 2011)

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Bobteam Hengster

2004 begann Christina Hengster als Anschieberin im Team von Silke Zeuner. Drei Jahre später gründete Sie als Pilotin ihr eigenes Team, zu dem mittlerweile auch Anna Feichtner, Alex Tüchi und Inga Versen zählen. Der größte Erfolg des jungen Teams war die Bronze-Medaille bei der Junioren-WM im vergangenen Jahr in St. Moritz. Zuvor war Hengster als Leichtathletin aktiv und hält den Tiroler Hammerwurfrekord bei den Junioren.

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    Christina Hengster wird Österreich bei der WM in Königssee vertreten

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    Beim Weltcup in Altenberg 2009 lief es nicht ganz wie gewünscht

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