Hetze in Ungarn

16. Februar 2011, 18:59
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Künstler, Schriftsteller und Wissenschafter warnen vor nationalistischer Demagogie und Demokratieabbau

In Ungarn geschieht dieser Tage etwas ganz Ungewöhnliches. Herausragende Künstler, Schriftsteller und Wissenschafter treten national und international als Verteidiger der Toleranz, der Meinungsfreiheit und der humanen Werte auf. Sie verurteilen auch die nationalistische, antisemitische und Roma-feindliche Stimmungsmache.

Den Anfang hatte der weltberühmte Pianist András Schiff mit einem besorgten Leserbrief an die Washington Post gemacht. Sofort wurde Schiff (Jahrgang 1953!) in einem Artikel des Fidesz-Gründungsmitglieds und Orbán-Freundes Zsolt Bayer angegriffen. Schiff sei "der geistig-seelische Verwandte" der nach Österreich geflüchteten Massenmörder, der Kommissare der kurzlebigen Räterepublik 1919. "Diese Mörder wurden schon von Österreichs blödem Kanzler Renner und dem noch blöderen Staatsekretär Bauer, von diesen Schwärmern für den Bolschewismus 1919, mit offenen Armen erwartet, um den Mördern von vornherein Asyl anzubieten." Dieses Zitat lässt das geistige Niveau der Publizistik jenes Starkolumnisten von Magyar Hírlap erahnen, der bereits im März 2008 "den mit Abstand verabscheuungswürdigsten Artikel der letzten Jahre" (Peter Esterházy) verfasst hatte.

Der berühmte Dirigent Ádám Fischer nahm nun den Handschuh auf. Der von den Fidesz-Leuten hinausgedrängte Generaldirektor der Budapester Oper präsentierte nicht nur eine Petition in Brüssel an die EU-Kommission wegen der bedenklichen Entwicklung in Ungarn zusammen mit Schiff, dem Schriftsteller György Konrád und dem Regisseur Béla Tarr. Er forderte jetzt in einem Artikel die Fidesz-Führung auf, Bayer wegen seiner antisemitischen Hetze aus der Regierungspartei auszuschließen, weil ansonsten Fidesz die europäische Glaubwürdigkeit verlieren würde.

Auch der Dirigent des weltweit gefeierten Budapest Festival Orchestra, Iván Fischer, warnte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27. Jänner) vor der nationalistischen Demagogie und dem Demokratieabbau in seiner Heimat. Er bekam postwendend Antwort; Die Subvention des Orchesters für dieses Jahr wurde ohne Begründung von der Hauptstadt und dem zuständigen Ministerium um 17 Prozent gekürzt.

Die international angesehenen Philosophen Ágnes Heller, Sándor Radnóti, Mihály Vajda und andere sind nun Zielscheiben einer Pressekampagne. Gegen die Säuberung von politisch missliebigen Philosophen hatten sich 60 ausländische Akademiemitglieder, auch drei Nobelpreisträger und 3000 in- und ausländische Wissenschaftler ausgesprochen. Univ.-Prof. Radnóti hat gestern in einem offenen und brillant formulierten Brief die Feigheit des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften (und ehemaligen Fidesz-Ministers) József Pálinkás entlarvt.

Auch der hochbegabte Regisseur Róbert Alföldi als Direktor des Nationaltheaters ("schwuler Vaterlandsverräter") soll demnächst abgelöst werden. Angesichts der Zweidrittelmehrheit der Regierungspartei gilt freilich das, was Elias Canetti in Masse und Macht schrieb: "Ein wichtiger Grund für das rapide Anwachsen der Hetzmasse ist die Gefahrlosigkeit des Unternehmens." (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2011)

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