"Sind als Journalisten nicht da, um einzugreifen"

16. Februar 2011, 18:08
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Im ägyptischen Staatsfernsehen rechnet ORF-Korrespondent Karim el Gawhary nach dem Machtwechsel mit internen Machtkämpfen - Eine Empfehlung für heimische Politiker gab er dem STANDARD

STANDARD: Wie verhielt sich das Fernsehen während der Proteste?

Gawhary: Das Staatsfernsehen spielte eine üble Rolle. Es hetzte tagelang ganz brutal gegen Ausländer. Irgendwann müssten sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

STANDARD: Gehetzt wurde bis zum Machtwechsel?

Gawhary: Seit er weg ist, tun sie so, als hätten sie nie anderes Programm als für die Demonstranten gemacht.

STANDARD: Mit ein und derselben Belegschaft?

Gawhary: Der Informationsdirektor wurde rausgeschmissen. Er steht auf der Einreiseverbotsliste, für mich eine persönliche Genugtuung. Der frühere Radiochef ist jetzt der neue Informationsminister. Im Fernsehen und in den staatlichen Zeitungen werden wir jetzt sicher mehr interne Kämpfe erleben.

STANDARD: Wie mächtig ist das Staatsfernsehen in Ägypten im Twitter-Zeitalter?

Gawhary: Elektronische Medien sind in Ländern mit hoher Analphabetenrate einflussreicher als in westlichen Ländern. Al-Jazeera und Al-Arabiya leisteten mit ihren Liveberichten vom Tahrirplatz einen ganz wichtigen Beitrag zur Mobilisierung der Menschen.

STANDARD: Was bedeutet der Machtwechsel für Pressefreiheit?

Gawhary: Das Informationsmonopol ist schon seit mehr als 15 Jahren durchbrochen. Die Menschen wussten alles, aber sie waren ohnmächtig: Eines der zentralen Probleme in der arabischen Welt. Neu ist, nicht nur die Information zu haben, sondern die Gewissheit, dagegen etwas tun zu können.

STANDARD: Wurden Sie bedroht?

Gawhary: In keiner Zeit von den Demonstranten. Die zwei Tage, an denen Mubaraks Schläger die Stadt übernahmen, waren unangenehm. Sie stürmten das Studio, wurden dann von der Armee hinausgeworfen.

STANDARD: Wissen Sie von österreichischen Journalisten, die von Gewalt betroffen waren?

Gawhary: Nadja Bernhard war eine halbe Stunde am Flughafen festgehalten, sonst ist mir nichts bekannt.

STANDARD: Handeln die ausländischen Journalisten in Ägypten nach ethischen Maßstäben?

Gawhary: Inwiefern?

STANDARD: Dass ihnen in einer bestimmten Situation das Bild nicht wichtiger ist, als Hilfe zu leisten?

Gawhary: Schwierige Entscheidung. Das ist von Fall zu Fall verschieden. Wir sind als Journalisten nicht da, um einzugreifen. Ich mischte mich einmal bei den Plünderern ein. Wenn so einer von den Bürgerwehren erwischt wurde, wurde er halb tot geschlagen. Ich ging hin und sagte: So, jetzt reicht's.

STANDARD: Stichwort Zugriffe der Politik auf das staatliche Fernsehen: Was raten Sie österreichischen Politikern?

Gawhary: Die Lehre, die man aus dem arabischen Fernsehen zieht: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss unabhängig sein, das ist doch klar.

STANDARD: Was bedeuten die Ereignisse für die arabische Welt?

Gawhary: Die Widerstände in den arabischen Ländern beruhen auf unterschiedlichen Ursachen, aber die Methoden, dagegen vorzugehen, sind immer die gleichen. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 17.2.2011)

KARIM EL GAWHARY (48) berichtete während der Proteste, die zum Machtwechsel führten, unermüdlich in Fernsehen und Radio aus Kairo. Seit 2004 leitet er dort das ORF-Nahostbüro.

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  • Karim el Gawhary aus Ägypten.
    foto: tvthek.orf.at

    Karim el Gawhary aus Ägypten.

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