Merkel kürt ihren Euromann zum Chef

16. Februar 2011, 18:28
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Jens Weidmann wird der jüngste Chef, den die deutsche Bundesbank je gehabt hat. In der EU wächst Nervosität um die Zentralbankspitze

Jens Weidmann wird der jüngste Chef, den die deutsche Bundesbank je gehabt hat. Zum ersten Mal wird ein Kanzlerberater direkt an die Spitze der Notenbank geschickt. In der EU wächst Nervosität um die Zentralbankspitze.

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Berlin/Straßburg - Erwartet worden war der Personalwechsel seit Tagen. Schließlich musste die düpierte deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel rasch handeln, nachdem der bisherige Bundesbank-Chef Axel Weber seinen vorzeitigen Abgang bekannt gegeben hatte. Am Mittwoch erklärte Merkel dann offiziell, dass Jens Weidmann die Bundesbank übernehmen wird.

Der Wechsel des 42-jährigen Leiters der Abteilung Wirtschaft im deutschen Kanzleramt auf den Chefsessel der Bundesbank ist ein Novum in der deutschen Geschichte. Noch nie kam jemand direkt von der Politik in die Bundesbank, weshalb die Opposition einige Kritik an der Entscheidung übt. Es sei nicht gut für das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Bundesbank, wenn ein "weisungsabhängiger Beamter aus dem Bundeskanzleramt" die Nachfolge Webers antrete, sagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Er hatte zuletzt den ehemaligen deutschen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) als neuen Chef für die Europäische Zentralbank (EZB) ins Gespräch gebracht.

Derlei Bedenken bemühte sich Merkel zu zerstreuen. Sie lobte Weidmann nicht nur als sachkundig und brillant, sondern betonte auch, dass er ein "unabhängiger Kopf" sei. Sie sei aber auch überzeugt, dass der Volkswirt "seine Stimme im EZB-Rat für eine Stabilitätskultur" erheben werde.

Merkel machte auch deutlich, dass sie Weidmann schweren Herzens von Berlin nach Frankfurt ziehen lässt. Sie verliert durch diesen Personalwechsel schon den dritten Vertrauten in kurzer Zeit: Ihr ehemaliger Regierungssprecher und Berater Ulrich Wilhelm ist nun Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR). Und Uwe Corsepius, der Leiter der Europa-Abteilung im deutschen Kanzleramt wechselt bald als Generalsekretär zum EU-Rat.

Erste Frau im Vorstand

Vizechefin der Bundesbank wird Sabine Lautenschläger, die Exekutivdirektorin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Sie ist die erste Frau im Bundesbank-Vorstand. Mit Argusaugen wurde dies in Europas Hauptstädten und EU-Institutionen verfolgt, die bei der Kür des künftigen EZB-Präsidenten mitreden. Nach Webers Verzicht sind nun die Weichen auf Dominanz aus dem Süden im EZB-Direktorium gestellt. Die Balance zwischen Ländern aus Nord- und Südeuropa, großen und kleinen Ländern samt deren Währungstradition, dürfte bald verloren gehen.

Für Merkel steht die psychologisch so wichtige Akzeptanz der EZB in der deutschen Öffentlichkeit auf dem Spiel. Denn nach der Kandidatur von Banca d'Italia-Chef Mario Draghi könnte die EZB bald von einem italienischen Präsidenten Mario Draghi geführt werden, der mit Vitor Constantio einen Vize aus Portugal hätte. Mit dem bis 2013 bzw. 2014 gewählten Italiener Lorenzo Bini Smaghi und Manuel Gonzales Paramo aus Spanien hätten dann ausgerechnet Banker aus dem schuldengeplagten "Club Med" im Direktorium die Mehrheit.

Der "Norden" wäre mit Peter Praet aus Belgien (ab Juni 2011) und dem Deutschen Jürgen Stark schwach vertreten. Da Stark nicht Bundesbankchef wurde, ist unwahrscheinlich, dass ein weiterer Deutscher Trichet ablöst - außer Stark selber wird es. Klaus Regling, Chef des Rettungsfonds, hätte gegen Banca d'Italia-Chef Draghi kaum Chance: Er hat noch nie in einer Notenbank gearbeitet.

Der Maastricht-Vertrag ist streng bei der Unabhängigkeit von EZB-Direktoren: Sie sind auf acht Jahre gewählt. Man kann sie nicht einfach so austauschen. Möglich, dass die Notenbankchefs von Finnland oder Österreich, Errki Liikanen oder Ewald Nowotny, zum Zug kommen. Dann wären drei kleine Euroländer an der EZB-Spitze - und Frankreich draußen. (Birgit Baumann aus Berlin, Thomas Mayer aus Straßburg, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.2.2011)

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    Jens Weidmann packt im Kanzleramt seine Sachen und klettert die Karriereleiter hinauf. Angela Merkels Wirtschafts-experte wird als Chef der Bundesbank zur zentralen Figur im Euroraum.

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