Märtyrer mit brennendem Appell

16. Februar 2011, 17:44
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In Tunesien, Algerien und im Jemen haben sich Menschen in Brand gesetzt. Ihr Protest wirkte. Weshalb?

In den vergangenen Wochen haben sich in Tunesien, Algerien und im Jemen Menschen in Brand gesetzt, um gegen das politische System ein Zeichen zu setzen. Ihr Protest wirkte. Weshalb?

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Er war der Vorbote der Revolution, obwohl seine Beweggründe heute umstritten sind. Nachdem sich am 17. Dezember 2010 der Tunesier Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid selbst in Brand gesetzt hatte, löste dies nicht nur eine Welle von sozialen Unruhen in arabischen Ländern aus, Bouazizi fand auch weitere Nachahmer in der Region, die mit ihrem Suizid wiederum Protestwellen nach sich zogen. Selbstverbrennungen erregen Aufmerksamkeit, weil sie qualvoll und erschreckend sind, aber weshalb können sie als Form des Protests sogar Revolutionen katalysieren?

Die Psychologin Brigitte Lueger-Schuster von der Universität Wien betont den Appellcharakter. "Die Botschaft ist so stark, weil diese Leute sagen: Ich opfere mein Leben, damit diese Gesellschaft sich verändert." Sogar in Gesellschaften, in denen Suizid eigentlich verpönt ist, treffe Selbstverbrennung deshalb auf Akzeptanz.

Germain Weber, Dekan der Psychologischen Fakultät an der Uni Wien, meint, dass eine Selbstverbrennung nur so große Kreise ziehen kann - also einen Umschwung einleiten -, wenn das Unbehagen in der Gesellschaft bereits vorhanden ist. "Die Menschen akzeptieren, dass jemand ,für sie gestorben ist‘, wenn sie bereits zuvor zu einer ähnlichen Analyse und Konklusion ihrer Lebenssituation gekommen sind wie diese Person."

Mit Suizidalität sei dies nicht zu vergleichen, denn bei den Menschen, die sich selbst verbrennen, gehe es nicht primär um eine Verengung der psychischen und kognitiven Strukturen, hebt Weber den politischen Aspekt solchen Handelns hervor. "Diese Personen suchen eigentlich eine Zukunft, Entwicklungsmöglichkeit und Teilnahme an Freiheit."

Auf der symbolischen Ebene sind die Selbstverbrennungen Märtyrertode, die an eine Erlösungsidee gekoppelt sind. Ilse Kryspin-Exner, ebenfalls Psychologin an der Uni Wien, betont, dass die Vorstellung, dass jemand "für uns gestorben" ist, biblisch und nicht neu ist. Menschen, die sich selbst verbrennen, schreibt sie "Sendungsbewusstsein" zu. "Sie bringen ein sehr breites Bedürfnis zum Ausdruck und andere Leute bekommen dadurch den Impuls, auch an die Ideen dieser Menschen zu glauben." Das kann zur Revolution führen, ein "Opfertod" stand aber etwa auch am Beginn jener sozialen Bewegung, die man später Christentum nannte.

Selbstverbrennungen als Formen des politischen Protests kommen in allen Kulturen und Erdteilen vor. Der tschechische Student Jan Palach nahm sich nach der Niederschlagung des Prager Aufstands 1969 das Leben. Seinem schrecklichen Beispiel folgten fünf Tschechen. Auch in Polen, der DDR und Rumänien verbrannten sich Menschen während des Kommunismus. In den USA kamen 1965 vier Vietnam-Kriegsgegner auf solche Art zu Tode. Und die Türkin Semra Ertan verbrannte sich 1982 öffentlich in Hamburg aus Protest gegen die wachsende Ausländerfeindlichkeit.

Verschiedenste Motive

Die Motive für Selbstverbrennungen reichen von Protest gegen die Ausstrahlung von westlichen Filmen in Indien, die Verweigerung von Asylrecht oder gegen die Verurteilung der Homosexualität durch die Kirche. Selbstverstümmelungen können ähnliche politische Appelle darstellen: Vor zwei Jahren etwa schnitt sich Zoran Bulatović seinen Finger ab, um auf die unhaltbaren sozialen Zustände in einer Textilfabrik in Südserbien aufmerksam zu machen.

Eigentlich müsse man annehmen, meint der Psychologe Weber, dass heute der Revolutionsgeist leichter über soziale Netzwerke verbreitet werden kann. Selbstverbrennungen seien vielleicht deshalb so wirksam, weil sie zwar Gewalt reflektieren - anders als bei Selbstmordattentätern, die sich auch als Märtyrer sehen -, jedoch niemand anderer zu Schaden kommt. In diesem Sinn können die Suizide dieser Tage auch als Spiegelbilder, die die Gewalt der autoritären Regime offenlegen, interpretiert werden. "Es ist, als ob der, der sich selbst verbrennt, dem Regime einen Schmerz zufügt" , sagt Weber. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2011)

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    Tunesiens Ex-Diktator Zine El Abidine Ben Ali (li.) besuchte Mohamed Bouazizi im Krankenhaus, bevor dieser an den Folgen seiner Selbstverbrennung starb. Seine Verzweiflungstat löste landesweite Proteste aus.

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