Zwischen Scheidung und Verwechslungsspiel

16. Februar 2011, 20:02
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Geschichte und Gegenwart: Spielfilme von Wolfgang Murnberger und Asghar Farhadi sowie die Dokumentation "Khodorkovsky"

Eisiger Wind treibt einen morgens in den Berlinale-Palast, drinnen bei den Wettbewerbsvorführungen wird es jedoch allmählich wärmer, mit dem Drama Jodaeiye Nader az Simin / Nader and Simin, A Separation sah man - Tage nach Ulrich Köhlers Schlafkrankheit - endlich wieder einen herausragenden Bären-Anwärter.

Der Film des bereits 2009 hier prämierten Iraners Asghar Farhadi beginnt mit einer sehr emotionalen Anhörung vorm Scheidungsgericht, ein Paar sitzt frontal zur Kamera. Der Mann wird wenig später eine Helferin zur Betreuung seines demenzkranken Vaters engagieren. Eine Auseinandersetzung mit der streng Gläubigen mündet in eine Handgreiflichkeit mit tragischen Folgen. Der Film entwickelt daraus einen komplexen Machtkampf, bei dem alle ihr eigenes Interesse verfolgen. Nader and Simin legt dabei eine inszenatorische Souveränität an den Tag, die einen ununterbrochen bei der Sache hält.

"Mein bester Feind"

Mit Wolfgang Murnbergers Mein bester Feind hatte auch eine österreichische Produktion (außer Konkurrenz) Weltpremiere. Der Regisseur hat sich einem historischen Stoff zugewandt und erzählt von der jüdischen Kunsthändlerfamilie Kaufmann, die den Sohn ihrer Wiener Hausmeisterin immer als einen der ihren angesehen hat. Nach dem Anschluss trägt Rudi (Georg Friedrich) jedoch eine SS-Uniform und macht sich zum Handlanger derer, die den Kaufmanns eine Skizze abpressen wollen. Davon erfährt man, nachdem zu Beginn ein Flugzeug abgeschossen wurde, aus dem sich ein KZ-Häftling und ein SS-Mann retten können. Die beiden tauschen Kleider, woraus sich ein Verwechslungsspiel auf Leben und Tod ergibt.

Das erinnert an Die Fälscher, hat aber auch in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds einen übermächtigen Widerpart: Wo Letzterer mit Wagemut in der Zuspitzung und Brechung von Stereotypen und tradierten Narrativen dem Kino neue Bilder erschloss, bleibt Mein bester Feind auf halbem Wege hängen. Der Komik fehlt Anarchie und Tempo. Wenn man die Erzählung hingegen ernst nehmen will, dann wird der Umgang mit Geschichte als Abenteuerspielplatz und Themenpark fragwürdig.

Alle Elemente sind funktional, nichts funktioniert. Alles ist der Handlung als Aktion unterworfen, fortwährende Verkürzungen sind die Folge. Die Figuren gewinnen kein Profil, ihr Tun muss somit erst recht erklärt werden: Die Subgeschichte um Viktor Kaufmanns (Moritz Bleibtreu) große Liebe Lena (Ursula Strauss) etwa erweckt den Anschein, als hätte nur ein Rest davon Eingang in den Film gefunden - ihr umstandsloses Umschwenken zu Rudi ist kaum motiviert. In Szenen wie jener, in denen der in ein Konzentrationslager verschleppte Viktor zuerst erfährt, dass sein Vater umgekommen ist, und dann im selben Raum und im nächsten Moment eine weitere entscheidende Nachricht erhält, hört man das Drehbuch rascheln.

"Khodorkovsky"

Als ähnlich durchwachsene Angelegenheit entpuppte sich auch die Dokumentation Khodorkovsky von Cyril Tuschi, die im Vorfeld durch den Diebstahl einer Kopie in die Schlagzeilen gekommen war. Tuschi unternimmt in Muckracker-Tradition den Versuch, den Fall des russischen Ex-Oligarchen und nunmehr prominentesten Häftlings Putins zu erhellen. Der Film, in dem neben engsten Angehörigen auch ehemalige Geschäftspartner sowie Regierungsberater, Ex-Minister - inklusive Joschka Fischer - und Wirtschaftsexperten zu Wort kommen, erzählt aber auch einiges über die Limitationen des Neo-Dokumentaristen: Ihm gelingt zwar der Coup, vorm Prozess mit Chodorkowski ein Interview führen zu können. Der Erkenntnisgewinn für den Zuschauer ist bei Fragen wie jener, ob der Inhaftierte meditiere, jedoch bescheiden.  (Isabella Reicher aus Berlin/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2011)

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     Uwe Bohm,  Wolfgang Murnberger,  Ursula Strauss und  Georg Friedrich bei der Präsentation von Mein bester Feind

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