"The King's Speech": Ein Underdog, der seine Stimme findet

16. Februar 2011, 17:07
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Der diesjährige Oscar-Favorit "The King's Speech" macht aus einer historischen Anekdote eindringliches Schauspielkino: Colin Firth beeindruckt als König George VI., der sein größtes Handicap überwindet

Wien - Die Probe für etwaige spätere staatsmännische Pflichten geht gründlich schief. Albert, Duke of York, soll anlässlich der Weltausstellung von 1925 im Wembley-Stadion eine Rede halten, die auch von der BBC ausgestrahlt wird. Er tritt vor das Mikrofon, vor ihm eine erwartungsvolle Menge an Leuten, die ihn mit Blicken fixiert. Stille. Dann folgen ein paar Silben, die sich kaum zu einem Wort verdichten wollen. Und irgendwann ist es dann mit jedem Ton vorbei.

1939 wird ebendieser Albert, mittlerweile King George VI., vor einer viel bedeutenderen Aufgabe nicht in die Knie gehen: An seinen Worten liegt es, den symbolischen Zusammenhalt zu beschwören, den das britische Empire gegen den Krieg gegen Hitler benötigt. Regisseur Tom Hooper inszeniert diesen Moment, der am Ende von The King's Speech steht, dann auch als einen der Befreiung: Die Stimme löst sich vom Körper und findet, beflügelt vom Radio, ihren eigenen Weg zum Volk.

Dass man als Zuschauer gegen das Pathos dieses historischen Augenblicks kaum immun ist, mag einer der Gründe für die recht einhellige Begeisterung über diesen Film sein, der mit zwölf Nominierungen auch der große Oscar-Favorit dieses Jahres ist. Und dennoch überrascht es, dass die Geschichte eines stotternden Königs, der sein größtes Handicap überwindet, offenbar einen Nerv trifft. Vielleicht spielt da auch die nostalgische Sehnsucht nach einem Repräsentanten mit, dem man noch beistehen kann. Anders als gegenwärtige Politiker kommt er seiner Aufgabe mit moralischer Festigkeit nach. Er stiftet Identifikation - behindert wird er nur von sich selbst.

Trotz des offensichtlichen historischen Hintergrunds ist The King's Speech auch eher ein Märchen als ein Geschichtsdrama. Im Mittelpunkt steht nicht das politische Geschick des Monarchen, sondern seine Arbeit an sich selbst. Hier kommt sein Gegenüber ins Spiel, Lionel Logue, der unorthodoxe Therapeut aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, den Geoffrey Rush mit fast mephistophelischer Gewandtheit verkörpert und der es sich zur Aufgabe macht, das wahre Ich des von so vielen Ängsten und Etiketten behinderten Duke von York freizulegen.

Das Kernstück des Films ist dieses großartig gespielte - und recht frei erweiterte - Duell zweier Männer, die so gegensätzlich sind, dass sie nur Freunde werden können. Colin Firth, der schon in A Single Man sein bis dahin recht gut verborgenes Talent gezeigt hat, gelingt das Kunststück, nicht das Stottern als virtuoses Spiel in den Vordergrund seiner Darstellung zu stellen, sondern das Porträt eines so gehemmten wie vielschichtigen Mannes, in dem durchaus auch rohe Kräfte toben.

Wie sich der ungewöhnliche Therapeut und sein berühmter Patient aneinander reiben, wie sie fluchen und sich doch ergänzen, wie in ihren Begegnungen Standesunterschiede pervertiert werden - der Duke ist hier schlicht "Bertie" -, das sind die Schaustücke dieses in seinem Vertrauen aufs Schauspiel eigentlich ganz altmodischen Films.

Wohlwollende Insider

Zugleich erfährt Albert durch seinen Freund aus dem Volk eine Art Legitimation. Anders als in The Queen, mit dem man The King's Speech aufgrund seiner Insiderperspektive schon öfter verglichen hat, ist der Blick auf die Royals hier viel warmherziger. Der Publizist Christopher Hitchens hat dem Film gar vorgeworfen, Geschichte mutwillig zu verzerren, indem er die britische Appeasement-Politik falsch und die Nazi-Sympathien von Alberts älterem Bruder, dem kurzzeitigen König Edward VIII. (im Film Guy Pierce), überhaupt nicht darstellen würde.

Man kann diesen Einwand als zu detaillierte Sicht eines Experten abtun. Er passt aber auch gut zum Programm eines Films, der sich für eine idealisierte Auffassung von Geschichte entscheidet, in der es eindeutige Sympathieträger und Nebendarsteller gibt. Nicht umsonst filmt Hooper oft mit Fischauge, was Alberts Umgebung, sogar seine standfeste Frau Elizabeth (Helena Bonham-Carter), ins Abseits rückt: Hier geht um einen König, der nicht in den Ring wollte, es dann aber musste - um einen Underdog, der seine Stimme finden muss.  (Dominik Kamalzadeh/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2011)

Ab Freitag im Kino

  • Der gehemmte König und sein ungewöhnlicher Helfer: Albert (Colin Firth, 
li.), 
Duke of York, und Geoffrey Rush als sein Sprechtherapeut Lionel Logue in
 Tom 
Hoopers Film "The King's Speech".
    foto: senator

    Der gehemmte König und sein ungewöhnlicher Helfer: Albert (Colin Firth, li.), Duke of York, und Geoffrey Rush als sein Sprechtherapeut Lionel Logue in Tom Hoopers Film "The King's Speech".

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