Gutachten spricht Mädchen Glaubwürdigkeit ab

16. Februar 2011, 18:38
106 Postings

Mädchen habe Missbrauch nicht selbst erlebt, sondern "phantasiert" - Eltern kritisieren Sachverständige

Wels - Ein Gutachten im Fall einer 16-jährigen Oberösterreicherin, die in Graz von ihren Großeltern und zwei Nachbarn, darunter ein pensionierter Richter, missbraucht worden sein soll, entlastet die Verdächtigen. Es sage aus, dass die Angaben des Mädchens nicht stimmen. Das berichteten die Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) am Mittwoch online.

Das Mädchen soll jahrelang von den vier Beschuldigten aus Graz gequält und sexuell missbraucht worden sein. Das mutmaßliche Opfer hatte sich Anfang September in Linz einer Betreuerin im Spital anvertraut. Daraufhin war Anzeige erstattet worden.

"Nicht erlebt, nur für real gehalten"

"Das Mädchen dürfte jedenfalls nicht gelogen haben, aber aufgrund seiner psychischen Verfassung über Szenen gesprochen haben, die es nicht erlebt, aber subjektiv für real gehalten hat", hieß es bei den OÖN. Nun würden die Verteidiger der vier Verdächtigen damit rechnen, dass das Verfahren rasch eingestellt werde.

Das Gutachten der forensischen Psychiaterin Adelheid Kastner war lange erwartet worden. Die Staatsanwaltschaft Wels wollte sich zum Inhalt des Dokuments am Mittwoch nicht äußern. Die Sachbearbeiterin müsse das Gutachten erst lesen, so Mediensprecher Staatsanwalt Manfred Holzinger zur APA.

Eltern: "Glauben unserem Kind"

 

Die Eltern der heute 16-jährigen Oberösterreicherin, die von ihren Großeltern und weiteren Männern - darunter einem pensionierten Grazer Strafrichter - missbraucht worden sein soll, sind davon überzeugt, dass die Angaben des Mädchens den Tatsachen entsprechen. "Wir glauben unserem Kind. Wir sind der Ansicht, dass das Ganze genauso stattgefunden hat, wie es unsere Tochter beschreibt. Wir sehen keinen relevanten Widerspruch", betonten sie im Gespräch mit der APA.

Zweifel an Gutachten

Die beiden zweifeln daran, dass die Sachverständige Adelheid Kastner, die im Auftrag der Justiz das Mädchen begutachtet hat, für diesen Fall die richtige Wahl war. "Unsere Tochter ist schwer traumatisiert. Während es in Deutschland Richtlinien gibt, die in Gerichtsverfahren gewisse Standards bei der Begutachtung von traumatisierten Personen vorsehen, fehlt das in Österreich zur Gänze", geben die Eltern zu bedenken.

"Kastner ist keine Kinder- und Jugendpsychiaterin, und es fehlt ihr am notwendigen Fingerspitzengefühl im Umgang mit traumatisierten kindlichen Opfern. Sie ist daher nicht die geeignete Sachverständige, um die Glaubwürdigkeit der Aussagen unserer Tochter zu beurteilen", sind sich die Eltern einig. Kastner habe bisher für die Justiz vorwiegend Täter begutachtet.

Die Eltern hoffen, dass in diesem brisanten Fall, in dem die Meinung der behandelnden Ärzte und Therapeuten in so einem krassen Gegensatz zu jener eines einzelnen Gutachtens steht, genauer hingesehen wird und ein entsprechendes Zweitgutachten von einem Gutachter mit jugendpsychologischer bzw. jugendpsychiatrischer Ausbildung eingeholt wird. Die Eltern bedauern weiters, "dass seit Beginn der gerichtlichen Untersuchungen durch gezielte Medieninformation der Beschuldigten und deren Rechtsvertretung versucht wurde, die Glaubwürdigkeit unserer Tochter zu untergraben". (APA)

Share if you care.