Mann aus dem Eis dürfte braune Augen gehabt haben

18. Februar 2011, 20:12
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Einige Rätsel sind gelöst, doch knapp 20 Jahre nach dem Fund bleiben immer noch viele Fragen offen

Bozen - Vor knapp 20 Jahren, am 19. September 1991, wurde die weltbekannte Gletschermumie Ötzi gefunden. Die Wissenschaft hat indessen viele Rätsel rund um den Eismann gelöst, doch nach wie vor sind viele Fragen offen. "Macht man eine Tür auf, hat man dahinter fünf weitere Fenster, die verschlossen sind", erklärte der Konservierungsbeauftragte am Südtiroler Archäologiemuseum und Koordinator der Forschungsprojekte, Eduard Egarter Vigl. Beispielsweise habe die Entschlüsselung des Erbgutes zutage gebracht, dass die Augenfarbe der Gletscherleiche braun und nicht - wie bisher angenommen - blau gewesen sein dürfte.

Seit dem Fund der über 5.000 Jahre alten Mumie am Similaungletscher in den Ötztaler Alpen hat eine Vielzahl von Forschern Hand an den Mann aus der Kupferzeit gelegt. Die besondere Aufmerksamkeit, die Ötzi von der internationalen Forscherwelt zuteil wurde und wird, verdankt er der Tatsache, dass Feuchtmumien sehr selten sind und derart gut konserviert für die Wissenschaft ein wahres Juwel darstellen. Ötzi, der samt vollständiger Bekleidung und Ausrüstung mitten aus dem Leben gerissen wurde, lieferte und liefert nach wie vor Material für zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungsfelder.

Mikrobiologische Proben

Die Forschung habe in den vergangenen Monaten eine "gewisse Akzeleration" (Beschleunigung, Anm.) erhalten, sagte Egarter Vigl: "Im vergangenen November haben wir nämlich eine letzte große Probenentnahme durchgeführt". Zum einen für das Projekt "Life Traces", bei dem es darum geht, Leben im allgemeinen und Bakterien im besonderen in der Mumie nachzuweisen. Dieses Projekt sei ausgeweitet worden, indem mikrobiologische Proben auch aus dem Inneren des Körpers entnommen worden seien.

Zum zweiten konzentriere sich die Forschung darauf, einen dunklen Fleck in der linken hinteren Großhirnrinde der Gletschermumie nachzuweisen. Dabei könnte es sich einerseits um eine unterschiedliche Zersetzung des Gehirns aufgrund verschiedener räumlicher Bedingungen handeln. "Andererseits - und ich neige zur Annahme, dass die zweite Hypothese richtig ist - könnte es sich um eine Hirnblutung handeln", schilderte Egarter Vigl. Es gebe viele Anzeichen, die auf ein Gesichts- und ein Schädel-Hirn-Trauma hindeuten würden. Beispielsweise sei die rechte Gesichtshälfte geschwollen, die Außenwand der rechten Augenhöhle gebrochen, und auf der linken hinteren Schädelhöhle lasse sich ein kleiner Berstungsbruch nachweisen.

Der Experte steht nach wie vor zu der "Pfeilspitzenhypothese", wonach der Mann in kürzester Zeit an einer Pfeilwunde in seiner Schulter verstorben ist. Er sei aber mittlerweile "wesentlich zurückhaltender", wenn es darum gehe zu bestimmen, wo, wann und unter welchen Umständen der gewaltsame Tod herbeigeführt worden sei.

Proben aus dem Magen

Der dritte Themenkomplex, der aktuell wissenschaftlich aufgearbeitet werde, basiere auf einer Probenentnahme seines Mageninhaltes. Dadurch erwarte sich die Forschung unter anderem Erkenntnisse über Ernährungsweise und eventuelle Magen-Erkrankungen der Gletscherleiche. Gegenwärtig würden die Proben chemisch, mikrobiologisch und genetisch analysiert. Auch aus dem Knochenmark sei Material für hämatologische und immunologische Untersuchungen entnommen worden. Blut habe man bisher keines gefunden, obwohl Egarter Vigl betonte, "akribisch" danach gesucht zu haben. "Aber die Proben aus dem Knochenmark müssten für die Erstellung eines immunologischen Profils ausreichen", erklärte der Wissenschafter.

Ötzi war zu Lebzeiten etwa 1,60 Meter groß, hatte Schuhgröße 38 und wog rund 50 Kilogramm - Durchschnittsmaße für die Kupferzeit. Kurz bevor er getötet wurde, hatte er noch Fleisch und Getreide als letzte Mahlzeit zu sich genommen. Der Mann aus dem Eis starb im Alter von etwa 45 Jahren, was damals bereits dem Greisenalter entsprach. Rätsel gibt den Forschern noch die Frage auf, warum er getötet wurde und weshalb er im Hochgebirge unterwegs war. Der Steinzeitgreis soll jedenfalls auf der Flucht gewesen sein. Das würden zumindest unfertige Ausrüstungsgegenstände nahelegen - der Mann habe einen neuen Bogen und neue Pfeile herstellen wollen. (APA)

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    Eine Nachbildung des Gletschermannes 'Ötzi' aus Wachs im Archäologischen Museum in Freiburg. Viele Fragen rund um den Eismann konnten inzwischen geklärt werden, doch vieles bleibt noch rätselhaft.

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