Architekturzentrum Wien mit "Fliegendem Klassenzimmer"

16. Februar 2011, 14:29
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Austellungen auch zur "Slow Architecture" von Alexander Brodsky und Glenn Murcutt - Klage über weithin fehlende Sammlungsstrategie in Österreich

Wien - Bildung aus architektonischer Sicht sowie zwei Personalen stehen 2011 auf dem Programm des Architekturzentrums Wien (Az W). Den Anfang macht dabei die Ausstellung "Fliegende Klassenzimmer", mit der man einen Beitrag zur "nicht wirklich stattfindenden Bildungsdebatte" leisten will, wie Direktor Dietmar Steiner am Mittwoch bei einer Pressekonferenz erläuterte. Danach stellt das Az W zwei Architekturpersönlichkeiten in den Mittelpunkt, die eine neue bzw. wenig bekannte Dimension der Disziplin beleuchten sollen.

Von 3. März bis 30. Mai steht in der Alten Halle des Az W alles im Zeichen des Schul-Raums, der als wesentlicher Aspekt in der Schuldebatte in Österreich oft vernachlässigt werde. Im Anschluss daran kommt der, so Steiner, "beste Architekt Russlands" mit seinen Arbeiten nach Wien: "It Still Amazes Me That I Became An Architect" (ab 30.6.) präsentiert das Oeuvre von Alexander Brodsky, der sich nicht im "zeitgenössischen Mainstream" befinde, sondern dazu eine "eigenständige und künstlerisch widerständige Position" einnimmt.

Im scheinbaren Gegensatz dazu, zumindest was den kulturellen Hintergrund betrifft, ist ab 10. November eine Personale des australischen Architekten und Pritzker Preisträgers Glenn Murcutt zu sehen, der vor allem für energieautarkes Bauen steht. Beide verbinde aber eine sehr "archaische" Methode des Arbeitens, da sie hauptsächlich von Handzeichnungen ausgehen und mit neuen Medien "nicht wirklich firm sind". Diese Form der "Slow Architecture ist auch ein mahnendes Innehalten gegenüber dem Baugeschehen auf der ganzen Welt".

Begleitet werden diese Programmpunkte neben der seit fünf Jahren sehr erfolgreich laufenden Dauerausstellung "a_schau", für die es ab sofort einen kostenlosen Audioguide im Shop des Az W zu beziehen gibt, von einem vielfältigem Rahmenprogramm mit u.a. Ausstellungen zu Josef Lackner oder Ludwig Wittgenstein in der Halle F3 und einem breitgefächerten Vermittlungsprogramm. Neu ist weiters das Angebot einer Jahreskarte, die um 18 Euro den Zutritt zu allen Ausstellungen ermöglicht. Die Besucherzahlen des Az W seien mit 63.000 in Wien bzw. insgesamt 70.000 inklusive aller Auslandskooperationen stabil, erläuterte Geschäftsführerin Karin Lux.

Fehlende Architektur-Sammlungspolitik in Österreich

Seit rund vier Jahren besteht der Wunsch des Az W, im Semper Depot ein österreichisches Architekturmuseum zu konzipieren. Diesen "Traum" wollte Steiner bei der Pressekonferenz "nicht mehr proklamieren", sondern den "inhaltlichen Hintergrund" dieser Überlegung in den Vordergrund rücken. Wirklich Hoffnung auf eine Umsetzung des Projekts mit Unterstützung des Bundes mache er sich nicht mehr. Generell fehlt Steiner eine strategische Sammlungspolitik für das architektonische Erbe in Österreich.

"Wir sind das Wissenszentrum für Architektur in diesem Land und werden international auch so wahrgenommen." So gesehen erfülle das Az W schon seit vielen Jahren Funktionen eines österreichischen Architekturmuseums, hob Steiner die Leistung seines Hauses hervor. Im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur erkläre sich aber "niemand für zuständig". Vielmehr erläutere das "verräterische Organogramm der neuen Museumsverordnung", dass Fragen zum Architekturerbe des Landes zwischen der Albertina, dem Museum für Angewandte Kunst (MAK) und dem Az W auszuhandeln seien. Es gebe zwar auch Gespräche und einen kooperativen Austausch, allerdings belaufe sich die Sammlungstätigkeit der beiden Häuser aus Sicht Steiners eher auf Kunstblätter respektive singuläre Ankäufe.

"Eine Sammlungspolitik zum architektonischen Erbe dieses Landes wird nicht vollzogen", was dem Direktor zufolge eine "sehr prekäre Situation" ergebe. Der internationaler State of the Art hinsichtlich Sammlungstätigkeiten von Architektur stelle verstärkt "nachvollziehbare Prozesse in den Fokus", inklusive wirtschaftlicher wie politischer Rahmenbedingungen. Dies bedeute natürlich auch eine breitgefächerte Sammlungstätigkeit, von Bauakten über zeitgeschichtliche Dokumente bis zu lokalen oder spezifischen Sammlungen. "Diese Strategie verfolgen wir."

Das "Gedächtnis der österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts" befinde sich derzeit in zwei Lagerhallen in Möllersdorf in der Nähe von Traiskirchen, wo das Az W auf knapp 1.000 Quadratmeter unterschiedliche Exponate und Dokumente lagere. "Es ist nicht notwendig und auch nicht möglich, alles zu zentralisieren", so Steiner. Man befinde sich in permanentem Dialog mit anderen Institutionen, auch der Österreichischen Nationalbibliothek, dem Wien Museum und einschlägigen Hochschulen.

Die Frage sei vielmehr, wie man sich in der Vielfalt der Archive einzelner Häuser zurecht finde. Dies ziele letztlich auf eine gemeinsame Wissensplattform ab, was von vielen Institutionen gewünscht werde und für die das AzW als "erster Kanal" fungieren könnte. Das kulturpolitische Ziel des Architekturzentrums bleibe, die "ganze Bandbreite der Disziplin abzubilden". (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vorsachau: "Slow Architecture" von Glenn Murcutt

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