Radsport-Welt nach Contador-Freispruch in Aufruhr

16. Februar 2011, 14:05
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UCI-Präsident McQuaid empört - WADA und UCI prüfen Einspruch vor CAS - Reingewaschener Tour de France-Sieger startet an Algarve und beim Giro - Spanische Rindfleischproduzenten sauer auf Contador

Ein lautes "Alberto Contadorrrr" ertönte aus den Lautsprechern, eine Heerschar von Reportern umlagerte den schmächtigen Mann mit der Rückennummer eins, und zahlreiche spanische Radsport-Fans klatschten begeistert Applaus. Einen Tag nach seinem fragwürdigen Freispruch und 206 Tage nach seinem dritten Triumph bei der Tour de France stieg Alberto Contador bei der Algarve-Rundfahrt in Portugal wieder in den Sattel.

"Ich bin müde, aber froh, wieder hier zu sein. Das ist eine große Genugtuung für mich", sagte der spanische Volksheld mit verschlafenem Blick. Erst in der Nacht war Contador nach einer 300 km langen Taxifahrt von Lissabon nach Faro im Teamhotel angekommen, nachdem er den Anschlussflug verpasst hatte. Es sollte vorerst das letzte Hindernis auf dem Weg zum Comeback sein, das am Mittwoch um 11.00 Uhr Ortszeit beim Start im Estadio Algarve über die Bühne ging.

Contador ist also wieder da, doch Normalität ist in der Radsport-Welt noch lange nicht eingekehrt. Das Echo nach dem Freispruch des spanischen Radsport-Verbandes RFEC am Dienstag hallte durch ganz Europa. Während in der spanischen Presse die Laudatio über den Volkshelden nicht lang genug ausfallen konnte, reagierten die internationalen Medien mit Unverständnis.

Colo gesperrt, Contador nicht

"Eine beschämende Staatsaffäre", schrieb die französische Sporttageszeitung L'Equipe mit Blick auf die Einmischung des spanischen Regierungschefs Jose Luis Rodriguez Zapatero, und die belgische Zeitung La Derniere Heure titelte: "Colo, in Spanien hättest du geboren sein müssen." Der italienische Radprofi Alessandro Colo war wie Contador positiv auf Clenbuterol getestet worden und muss nun ein Jahr pausieren.

Contador tritt dagegen wieder in die Pedale, und daran können die Sportgerichte so schnell nichts ändern. Einen Monat haben der Radsport-Weltverband UCI und die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) Zeit, Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS einzulegen. Danach dürften bis zu einem möglichen Urteil weitere Monate ins Land ziehen.

Man werde den Richterspruch gemeinsam prüfen, betonte UCI-Chef Pat McQuaid. WADA-Generaldirektor David Howman fand es jedenfalls sonderbar, dass das Wettkampfkomitee des spanischen Verbandes innerhalb weniger Wochen seine Meinung änderte: "Von so einer Praxis habe ich noch nie gehört. Wir werden sehen, ob das im Einklang mit dem Anti-Doping-System steht."

McQuaid: "In Spanien wundert mich nichts mehr"

Insbesondere die Einmischung Zapateros, der in der vergangenen Woche einen Freispruch üfr Contador gefordert hatte, stieß bei den Verbänden übel auf. "Ich denke nicht, dass Politiker in ein laufendes Verfahren eingreifen sollten, wenn sie nicht alle Fakten kennen. Das war ungerechtfertigt. Es sollte Sache des Sports sein, sich selbst zu überwachen. Das hat dem Image von Spanien nicht geholfen, aber in Spanien wundert mich nichts mehr", sagte McQuaid am Rande der Oman-Rundfahrt. Ohnehin habe sich laut McQuaid die Haltung der Spanier im Anti-Doping-Kampf nicht verbessert. Der Ire hatte erst bei der WM in Melbourne Ende September die laxe Anti-Doping-Politik deutlich kritisiert.

Freunde haben sich die Spanier jenseits der iberischen Halbinsel mit dem Urteil jedenfalls nicht gemacht. "Es zeigt sich, dass Spanien noch immer tief in der Dopingkultur auf höchstem Niveau verankert ist", sagte Cyril Guimard, der frühere Sportliche Leiter der Toursieger Bernard Hinault und Laurent Fignon.

Schlaflose Nächte, Haarausfall, Tränen

Contador wollte davon freilich nichts wissen, der Kletterkönig drückte stattdessen im spanischen Fernsehen auf die Tränendrüse. "Das waren unglaubliche Wochen und Monate, die ich niemandem wünsche. Das muss man erlebt haben, um zu spüren, wie es sich anfühlt. Das waren sechs Monate mit schlaflosen Nächten und Haarausfall. Da waren Zeiten, wo ich geweint habe. Man wollte mich guillotinieren", sagte der Spanier, der seine Saisonplanung vorerst bis zum Giro d'Italia ausgerichtet hat.

Bis zum Start der Italien-Rundfahrt im Mai dürfte ihm auch kaum Ungemach drohen. Unter Umständen kann er sogar bei der Tour starten, sollte der CAS bei einem möglichen Prozess nicht aufs Tempo drücken. Das wäre der Albtraum für Tourchef Christian Prudhomme: "Es hat bereits viel zu lange gedauert, und keiner weiß, ob das Ende der Geschichte bereits erreicht ist."

Nur allzu oft war das Gelbe Trikot in den vergangenen Jahren bei der Tour beschmutzt worden. Und sollte Contador im Nachhinein noch gesperrt werden, wäre er nach Floyd Landis bereits der zweite Radprofi in sechs Jahren, der den Siegerpokal wieder aus der Vitrine holen muss. Der 28-Jährige war am zweiten Ruhetag der Tour 2010 positiv auf Clenbuterol getestet worden, ein kontaminiertes Stück Rindfleisch soll der Grund für den positiven Befund gewesen sein. "Eines ist klar, ich werde kein Fleisch mehr essen", betonte Contador. Dazu riet auch ein französischer TV-Sender: "Esst kein spanisches Fleisch mehr, es sei denn, ihr wollt dopen."

Viehzüchter erbost

Die spanischen Viehzüchter haben indes Contador der Rufschädigung bezichtigt. "Der Fahrer greift, ungestraft und die Wahrheit missachtend, diesen Sektor der Produktion an, der umfassenden Kontrollen unterliegt", betonte die Vereinigung spanischer Rindfleisch-Produzenten in einer Stellungnahme. Alleine in Spanien waren im Vorjahr 14.179 Fleischproben genommen worden. "Es hat dabei keinen einzigen Clenbuterol-Fall gegeben", betonten die Viehzüchter. (sid/red)

Pressestimmen:

SPANIEN
"El País": "Contador steigt wieder aufs Rad. Nach dem Freispruch wird der Tour-Sieger wieder zum Radsportler."
"El Mundo": "Der Freispruch Contadors ist gerecht. Man kann keine Dopingsperre gegen jemanden verhängen, der sich nicht gedopt hat."
"Marca": "Der spanische Radsportverband trifft mit dem Freispruch Contadors eine historische Entscheidung."
"As": "Der spanische Radsportverband hatte im Fall Contador ursprünglich für eine Sperre von einem Jahr plädiert. Er änderte dann aber seine Haltung und entschied auf Freispruch. Der Weltverband UCI, die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und das Internationale Olympische Komitee IOC zeigten sich irritiert darüber, dass Zapatero sich in das Verfahren eingemischt hatte."

ITALIEN
"La Gazzetta dello Sport": "Skandalös! Contadors Freispruch ist ungerecht. So gewinnt der Kampf gegen Doping nicht an Glaubwürdigkeit. Spanien hat in Sachen Doping eine andere Vorstellung. Wäre es nach der spanischen Justiz gegangen, würde Alejandro Valverde heute noch fahren. Wir müssen dem CONI, der UCI und dem CAS danken. Der erste Satz geht an Contador, aber das Spiel ist noch nicht vorbei."
"La Repubblica": "Spanien spricht Contador frei. Zapateros Position gewinnt."

BELGIEN
"La Dernière Heure": "Der spanische Verband hat Contador weiß gewaschen. Im Radsport wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Italiener Alessandro Colo, der wie der Spanier positiv auf Clenbuterol getestet worden war, bekam eine Sperre von einem Jahr aufgebrummt. Er wird sich nun denken: Wäre ich doch nur als Spanier zur Welt gekommen."

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    Beträchtlicher Medien-Rummel um Alberto Contador beim Start zur Algarve-Rundfahrt.

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