"Meine Filme sind keine Schwarz-Weiß-Malerei"

16. Februar 2011, 10:47
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Nach "We Feed the World" und "Let's Make Money" feiert Erwin Wagenhofers erster Spielfilm "Black Brown White" Premiere

SchülerStandard: Wie kam es, dass Sie aus der Flüchtlingsthematik einen Spielfilm gemacht haben und keine Dokumentation?

Wagenhofer: Nun, ich bin nicht auf die Welt gekommen und mein erster Satz war: "Ich will nur Dokumentarfilme machen". Sondern: "Ich will Filmemacher werden." Dokus sind leichter zu finanzieren, weil sie billiger sind. So kam es, dass es bei mir sehr lange gedauert hat, bis der erste Spielfilm da war. Ich bin da in guter Gesellschaft, weil zum Beispiel auch Michael Haneke seinen ersten Spielfilm erst mit 47 gedreht hat.

SchülerStandard: In "Black Brown White" hilft der Lkw-Fahrer Don Pedro der jungen Jackie und ihrem Sohn bei der illegalen Einreise nach Europa. Jackie lässt ihre Heimat hinter sich. Wie würden Sie "Entwurzelung" beschreiben?

Wagenhofer: Entwurzelung ist so gemeint, dass die meisten Menschen irgendwo zur Welt kommen, dort ihre Jugend verbringen und verwurzelt sind. Entwurzelt wird man, wenn man aus diesem Kreis unfreiwillig ausgestoßen wird. Das trifft besonders auf Jackie zu, die in Afrika bleiben will. Dass Afrikaner nach Europa wollen, hat damit zu tun, dass wir deren Wirtschaftssystem kaputtgemacht haben und sie nun anderswo Wurzeln schlagen müssen.

SchülerStandard: Was reizt Sie an diesem Thema?

Wagenhofer: Ich beschäftige mich schon mein ganzes Leben lang mit Grenzen. Ausgrenzung passiert ja überall und beginnt im Kleinen, etwa auf einem Spielplatz. Zwei Buben lassen den Dritten nicht mitspielen und grenzen ihn aus. Mich interessiert, wie es dazu kommt.

SchülerStandard: Die Hauptfigur Don Pedro sieht sich mit einem "kriminellen System" konfrontiert. Woran lässt sich das festmachen?

Wagenhofer: Das System sind wir alle, und auch Don Pedro ist ein Teil davon. Wenn wir Demokratie ernst nehmen, dann sind wir es, die die Gesetze machen. Wir wählen Vertreter, und die gehen in die Legislative. Wenn wir aber Gesetze machen, die nur für bestimmte Lobbys wichtig sind, dann ist das zu verurteilen. Unser Wirtschaftssystem macht Entwicklungsländer kaputt, und dann werden die Grenzen dichtgemacht. Es geht nicht darum, dass wir denen mehr geben, sondern weniger nehmen, damit sie genug haben. Kein Afrikaner will wirklich nach Europa.

SchülerStandard: Wie haben Sie Ihre Arbeit in Almería vertreten? Sie hatten ja keine Drehbewilligung.

Wagenhofer: Meine Filme sind keine Schwarz-Weiß-Malerei. Sie zeigen auf, wie es ist, und zwar täglich; da ist nichts Verbotenes dabei. Ich sage nicht, das sind alles Arschlöcher oder die Tomaten sind vergiftet. Ich stelle nur Zusammenhänge her.

SchülerStandard: Wie erleben Sie die Kritik an "Black Brown White"?

Wagenhofer: Was die Kritik macht, ist klar gewesen: Ich kenne alle aus dieser Branche, bin aber mit niemandem verbandelt: Jetzt habe ich seit ein paar Jahren Erfolg, und sie wissen nicht, was sie mit mir tun sollen, und hauen immer wieder hin. Aber man macht Filme nicht für frustrierte Kritiker, die selber Filmmacher werden wollten, mühsam Theaterwissenschaft studiert haben und jetzt in den Keller lachen gehen.

SchülerStandard: Was soll das Publikum aus dem Film mitnehmen?

Wagenhofer: Das Publikum ist klug und wird oft unterschätzt. Wir haben nach ein paar Screenings gemerkt, dass die Zuseher den Film erst am Tag darauf begreifen.

SchülerStandard: Wie beeinflusst Sie Ihre Arbeit persönlich?

Wagenhofer: Ich versuche nachhaltig zu leben, mein Geld ist auf einem Sparbuch, und ich spekuliere nicht. Ich bin aber auch kein Heiliger. Das Entscheidende an den Filmen ist, dass ich mich in den Titel einbaue. Das "we" bin ich ja auch. Es ist nicht "They feed the World", wie es Michael Moore macht. Da ist er und dort der böse Bush - das ist schwarz-weiß. (DER STANDARD-Printausgabe,  Bath-Sahaw Baranow, Antonia Reiss, 16.2.2011)

ERWIN WAGENHOFER, geb. 1961 in Amstetten, freischaffender Autor, Filmemacher, lehrt an der Kunstuni Wien.

  • "Das Entscheidende an meinen 
Filmen ist, dass ich mich selbst in den Filmtitel einbaue", erzählt Regisseur 
Erwin Wagenhofer.
    foto: corn

    "Das Entscheidende an meinen Filmen ist, dass ich mich selbst in den Filmtitel einbaue", erzählt Regisseur Erwin Wagenhofer.

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