Voreilige Schwarzmalerei

16. Februar 2011, 09:54
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Warum Menschen, die durch wochenlange friedliche Proteste autoritäre Herrscher ins Wanken bringen, mehr als Schwarzmalerei verdient haben

Vor dem "arabischen Frühling ", der in Tunesien begonnen und auf andere Länder übergeschwappt ist, schrieben Kommentatoren - insbesondere wenn es mal wieder um die Islam(ismus)-Debatte ging - besonders gerne über "die Rückständigkeit der meisten muslimischen Gesellschaften innerhalb und außerhalb Europas", weil der Islam intellektuelle Neugier, Kritikfähigkeit und freie Debatte nicht fördere.

Nun haben aber die Menschen in vielen arabischen Ländern vehement ihr Bürgerrecht aktiv wahrgenommen, ohne sich dabei vorrangig auf ihr Religionsbekenntnis sondern auf politische Freiheit und soziale Sicherheit zu beziehen. Dass in einem islamischen Land die Menschen an Demokratie nicht nur interessiert sind, sondern für ein besseres Leben, für das Recht auf Arbeit, für Meinungsfreiheit, für Mitbestimmung auf die Straße gehen und friedlich protestieren ohne das (bisher) großes Chaos ausgebrochen ist, werden einige Skeptiker noch zu verdauen haben.

Denn die aktuellen Proteste passen so gar nicht in das Bild des rückständigen, mit der Demokratie unvereinbaren Islams. Die Bilder von Männern, mit oder ohne langem Bart, und Frauen, mit oder ohne Kopftuch, die neben- und miteinander für eine bessere Zukunft wochenlang auf den Straßen Kairos ausharrten, waren ein Schreck für Huntington-Fanatiker, für diejenigen, die den Islam ausschließlich diametral zu Demokratie, Menschen - und Frauenrechten und europäischen Werten der Aufklärung sehen.

Während im alten Kern-Europa die Menschen politikverdrossen und eher demonstrationsunwillig (sieht man mal von Frankreich, Italien und den Bürgerprotesten in Stuttgart Ende 2010 ab) sind, blüht im Maghreb und in Ägypten eine Zivilgesellschaft auf, die Mitspracherecht will und auf die Sicherung eines gewissen sozio-ökonomischen Standards pocht. Menschen, die für die Freiheit von der eigenen autoritären Herrscherkaste kämpfen und nicht amerikanische Flaggen verbrennen oder ob einiger Karikaturen durchdrehen und den Westen verfluchen. Gerade diejenigen, denen man Demokratieverständnis, ja sogar jedweden kritischen Intellekt absprach, weil islamisch-arabisch und nicht so zivilisiert wie das Europa der Aufklärung und Menschenrechte, haben gezeigt, wie Demokratie (wieder) zum Leben erweckt werden kann.

Der durch friedlichen Volksaufstand herbeigeführte Wandel in Ägypten, der allerdings noch in den Kinderschuhen steckt und die schwierige Übergangs- und Demokratisierungsphase vor sich hat, ist ein Denkzettel für diejenigen, die die Prämissen der Aufklärung dazu missbraucht haben und weiterhin missbrauchen, um Bevölkerungen bestimmter Regionen und Erdteile, aufgrund ihrer Herkunft und Kultur, als unzivilisiert und nicht intellektuell, gewaltbereit, fundamentalistisch und demokratiefeindlich zu verunglimpfen. Die immer nur die abendländischen Wurzeln des Humanismus zelebrieren, aber nicht anerkennen, dass es auch in anderen Erdteilen, Kulturen und Religionen über Epochen hinweg humanistische Strömungen bzw. Tendenzen gab und geben wird.

Letztendlich haben die Geschehnisse in Ägypten auch offen gelegt, dass geostrategische Interessen der USA und der EU wichtiger sind als echte demokratische Wende, denn nicht wenige Außenpolitiker haben jahrelang einem Ben Ali oder einem Mubarak freundlichst die Hände geschüttelt, statt eine freie Zivilgesellschaft zu unterstützen und so letztendlich das korrupte System der autoritären Herrscher im Maghreb und im Nahen Osten mitfinanziert. (Güler Alkan, 06. Februar 2011, daStandard.at)

 

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