"City of God": Gottes missratene Kinder

23. Juli 2004, 10:27
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Fernando Meirelles "City of God" – der Slum als Revier von Gangstern

Wien – Die Jagd auf ein Huhn lässt sich mit der Jagd auf ein Foto kaum vergleichen. Aber in der Stadt Gottes, einem Slumviertel am Rande Rio de Janeiros, kann es passieren, dass auf derselben Straße, auf der gerade ein Huhn entkommt, ein Fotograf Bilder einfängt, die das gegenseitige Abschlachten von Menschen dokumentieren.

Gewalt gehört in "City of God/ Cidade de Deus" zum Alltag jenes Gettos, dessen Chronik der international viel beachtete zweite Film des Brasilianers Fernando Meirelles als epische Gangstersaga entwirft. In den 60er-Jahren gleicht der künstlich angelegte Ort einer ockerfarbenen Hüttensiedlung, in der die Kriminalität noch nicht organisiert ist, sondern das Abenteuer ein paar übermütiger Jugendlicher. Zwei Jahrzehnte später bekriegen sich Banden auf Straßen, die vom Staat längst sich selbst überlassen wurden.

Nicht im Mittelpunkt, aber oft an der entscheidenden Stelle steht der Erzähler des Films, ein dunkelhäutiger Bursche namens Buscapé (Alexandre Rodrigues): Er ist die einzige Figur, die mit niemandem fraternisiert; ein teilnehmender Beobachter, dessen Wunsch, Fotograf zu werden und so dem Elend zu entkommen, sich mit der Erzählhaltung von City of God deckt. Wie dieser hat der Film vor allem die Absicht, ein möglichst gutes Bild zu schießen.

Buscapés Off-Kommentar führt durch ein wucherndes Dickicht aus Personen und Schicksalen, springt chronologisch vor und zurück und bleibt doch letztlich linear – auf die Geschichte einer Generation beschränkt. Von allen Geschichten die wichtigste ist die des Gangsterbosses Li'l Ze, der noch als Kind bei seinem ersten Überfall den Spaß am Töten entdeckt. City of God begleitet seinen Aufstieg, der sich eher einer maßlosen Gewalttätigkeit verdankt als einer übersichtlichen Organisation. In den 70ern schafft er es an die Spitze des Drogengeschäfts und sorgt damit kurzfristig für Frieden im Viertel – ein Effekt seiner souveränen Herrschaft.

Laiendarsteller

Meirelles arbeitete fast ausschließlich mit Laien, die angeblich selbst zum Teil den Slums entstammten. Leandro Firmino da Hora als Li'l Ze ist einer der energetischsten von ihnen, sein psychotisch bösartiger Charakter bedeutet aber auch eine Schwäche des Films: Denn gesellschaftliche Zusammenhänge werden durch solche Ausnahmefiguren an den Rand gedrängt.

Das Biotop, in dem es zum Schwierigsten gehört, nicht kriminell zu werden, weil sich Arbeit kaum lohnt und alles schnell einmal persönlich wird, erforscht City of God eher spekulativ. Umgekehrt geht Meirelles' Ansatz immer vom Genre aus, was dem Film seine Dramatik sichert.

Reale Hintergründe werden zu einem hybriden Pop-Realismus verdichtet, mit allen ästhetischen Tricks zum gefälligen Panorama komprimiert: die zunehmend rauschhafte Handkamera, abrupte TempoWechsel oder auch Freeze-Frames geben den Jahrzehnten ihren spezifischen Look, die Bilder sind zudem künstlich nachbearbeitet.

Ein einziges Zimmer kann genügen, um die schnellen Personalrochaden im Drogenbusiness zu veranschaulichen, kleine Exkurse führen vor, welche Wege der Stoff zum Konsumenten durchläuft. City of God ist so zuallererst die geschickte Verschränkung eines nationalen Themas mit einer hippen Form, die weltweit kompatibel ist. Es geht ihm nur bedingt darum, die jüngere Geschichte der Gettos zu erzählen; vielmehr handelt es sich um ein sensationalistische Gangsterstory, in der am Ende außer einem Huhn und einem Fotografen nicht viele überleben. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2003)

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