Der Kampf im und mit dem Regen

14. Mai 2003, 17:49
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ÖGB auch im Protest verhandlungsbereit

Wien - "Wenn's nicht regnen tät', wär' eine viertel Million hier." Sprach der mittelalterliche Herr knapp, das völlig durchnässte weiße Plastikblouson der Gewerkschaft öffentlicher Dienst auf den Leib geklatscht. Trocken blieb am großen Abend der Gewerkschaft niemand auf dem Heldenplatz, und so waren es auch nicht 250.000 Teilnehmer, sondern "nur" rund 100.000, die ihrem Aufruf gefolgt waren. Sagte die Polizei. Der ÖGB zählte 200.000 Demonstranten, und irgendwo in der Mitte wird die Wahrheit liegen.

Die politische Mitte wollen die Gewerkschafter übrigens nie verlassen haben, stellten ihre Redner implizit fest. Dass ihnen die Regierung dies mit dem bösen Wort vom "Druck der Straße" unterstellt, nehmen sie quer durch die Fraktionen übel. Es ist auch nicht leicht, im Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer einen Anführer des Straßenkampfes zu sehen, da mag er noch so glaubhaft versichern, im Parlament gegen die Pensionsreform seiner ÖVP zu stimmen. Oder in ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch, der Bundespräsident Thomas Klestil für seine Idee vom runden Tisch anhaltenden Applaus auf offener Szene verschafft, einen Aufwiegler der Massen.

Also wird die Gewerkschaft auch an diesem Tisch Platz nehmen und der Regierung die Pensionsreform auszureden versuchen, versichert Verzetnitsch. Die Demonstranten sind zufrieden, obwohl ihre Rufe "Schüssel raus" eigentlich in die entgegengesetzte Richtung weisen. "Was soll er denn sonst sagen, der Fritzl", fragt der Durchnässte rhetorisch in die Runde, die sich mit den letzten Worten des Redners aufzulösen beginnt. Ja, wenn's nicht geregnet hätte...(kob/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.5.2003)

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    Die Gewerkschaft stapelt vor der Großdemo am Dienstag tief: ÖGB-Kampagnenchef Willi Mernyi meint, dass es mehr als 50.000 werden könnten; tatsächlich könnte es ein Vielfaches davon werden.

  • Protesthagel in Wien
    fotos: der standard/cremer

    Protesthagel in Wien

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