Balkonien

12. Mai 2003, 17:00
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Nur kein Neid. Seine Eltern haben halt mehr Kohle. Und deswegen sitzt der Typ jetzt einen Stock über mir ...

... in einer funkelnagelneuen Dachterrassenwohnung mit Blick über ganz Wien. Trotzdem: Ich bin nicht neidig. Wirklich nicht.

Früher, bevor sie den Dachboden ausgebaut haben, bin ich selbst dort oben abgehangen. Auf dem Flachdach. Es war nicht legal. Und die rostige Leiter auch nicht sicher. Aber das hat nie jemanden gestört. Sagt jedenfalls meine alte Nachbarin, die da oben einen Liegestuhl hatte. Es gab Lavendel. Einer meiner Nachbarn baute auch Hanf an.

Satellitenschüsselwald

Außerdem wuchsen dort oben Satellitenschüsseln und TV-Antennen. In der Nacht waren die - ihre Vertäuungen - immer eine Herausforderung. Schließlich gab es dort, wo das Kies-Gras-Gemisch einen Fünf-Stockwerke-Sprung ins Dunkle machte, kein Geländer mehr. Trotzdem war hier immer einiges los. Vor allem zu Silvester. Bis sie das Dach ausgebaut haben.

Jetzt sitzt also er da oben. Mitte zwanzig. Mit guten Aussichten. Wegen der Firma vom Papa. Er ist nicht unsympathisch: Immer, wenn er über den Rand seiner schicken, sauteuren Dachterrasse schaut und uns sieht, winkt er und ruft halb erstaunt, halb schüchtern "Hallo". Wir winken zurück. Von unserem kleinen, zwei Mal einen Meter großen Klopfbalkon, den wir uns mit den Nachbarn auf unserem Stock teilen. Theoretisch: Außer A. und mir setzt sich hier nie jemand in die Sonne. In den anderen Stockwerken ist das nicht anders.

Die Spießerhecke

Aber auch wenn der da oben jetzt das Panorama allein genießt, sind wir nicht neidig. Weniger wegen der Investitionskosten, als wegen der Pflanzen. Die haben ihm neulich seine Eltern gebracht. Und er traute sich nicht, etwas zu sagen. Vielleicht, unterstellt ihm A., habe er ja auch gar nichts dagegen. Aber das kann - und will - ich mir gar nicht vorstellen. Seine Eltern haben nämlich Thujen gebracht. Koniferen. Unkraut mit Nadeln. Sonnenvertreiber. Schattenwerfer. Schrebergartenverdunkler. Und wir saßen völlig baff auf unserem Klopfbalkon, als sie anfingen, auf einer Terrasse, deren Wohnung pro Quadratmeter mehr als ein anständiges Monatseinkommen kostet, den Pflanze gewordenen Inbegriff von Kleinbürgers Abschottungswahn aufzustellen. In Töpfen. Dicht an dicht. Blickdicht eben - obwohl da oben kein Nachbar ist, der einem ins Grillgut spechteln könnte. Oder dem man aus irgendwelchen Gründen mit einer schnell wachsenden Hecke Licht und Sonne nehmen möchte.

Der da oben versuchte nicht einmal ansatzweise, sich gegen die Spießerhecke zu wehren. Obwohl er nicht so aussieht und klingt, als hätte seine Sozialisation in der Schrebergartensiedlung stattgefunden. Er freute sich allem Anschein nach auch noch über das satte Tannengrün, mit dem er sich nun selbst den Blick auf die Stadt genommen hat.

Vor einigen Tagen stand ich mit unserem Hausbesitzer im Gang. Auch er war entsetzt, als er zur neuen Terrasse schaute. Thujen, meinte er dann mit einem resignierenden Schulterzucken, wären wie Grundwehrdiener: Sie stünden sinnlos und grün in einer Landschaft herum, die ohne sie viel netter wäre - und könnten nichts dafür. Und bei denen, die sie aufgestellt haben, sei jede Diskussion zum Thema verlorene Liebesmüh.

Gestern hat der da oben dann wieder an seinen Thujen gewerkelt. Die Eltern waren nicht da. Und A. schwört, dass die einzelnen Stauden jetzt ein bisserl dünner aussehen. Dass ihnen ein paar Äste fehlen. Und dass die Töpfe weiter auseinander stehen. Wir haben beschlossen, dem da oben noch eine Chance zu geben.

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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