Mayers Europablog

Italien, Spanien, Portugal stürmen EZB-Spitze

Thomas Mayer, DER STANDARD, 15. Februar 2011, 20:43
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    foto: epa/soeren stache

Bis auf wenige Einwände waren sich die Finanzminister der Eurogruppe am Montag rasch einig: Der Belgier Peter Praet soll die Österreicherin Gertrude Tumpel-Gugerell im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) ablösen. Für sich genommen eine gute Wahl: Der 62-Jährige ist als Wirtschaftsprofessor und langjähriges Mitglied der belgischen Notenbank mit Spezialgebiet Bankenaufsicht fachlich außerordentlich qualifiziert für diesen Job. Ab Juni wird er als Mitglied ins Direktorium einrücken und die einzige Frau an der EZB-Spitze ersetzen, auf acht Jahre bis Juni 2019 gewählt, praktisch unkündbar – und durch den Maastricht-Vertrag bombenfest gegen jeden politischen Einfluss oder Zuruf von außen abgemauert.

Genau damit beginnt das Problem. Bei einigen in Europas politischer Führung, die die Finanzpolitik nicht nur fachlich, sondern gegenüber den Wählern auch psychologisch vertreten müssen, rauchen jetzt die Köpfe, hört man in Brüssel. Denn so wie die Dinge derzeit stehen, könnte nun bald der Fall eintreten, dass die Führung von Europas gemeinsamem Währungsinstitut fast ganz in die Hände von Bankern aus Italien, Spanien und Portugal fällt.

Und das käme bei den Wählern in traditionellen Hartwährungsländern wie Deutschland vermutlich nicht so gut an in Zeiten, in denen die „Südschiene“ von Griechenland bis Portugal unter immenser Schuldenlast leidet, den Euro belastet und zum Teil nur mit Milliardenkrediten über Wasser gehalten werden kann.

Die drohende Dominanz durch Banker aus dem „Club Med“  ergibt sich fast zwingend aus den strikten Regeln des Maastrichtvertrages für Besetzung und Politik der EZB, aus der Notwendigkeit, dass der EZB-Präsident mit Ende Oktober abtreten und ersetzt werden muss, dass der bis vor einer Woche praktisch fixe deutsche Bundesbankchef Axel Weber aber zurückgezogen hat, und dass es zwischen den Eurostaaten, großen wie kleinen, Nord und Süd, immer um eine sehr, sehr heikle Balance der Interessen ging, wenn es um die Zentralbankspitze ging. Die Festlegung auf den Belgier Praet hat jedenfalls den Spielraum für Manöver, insbesondere für die Euro-Gottseibeiuns Deutschland und Frankreich, empfindlich eingeschränkt.

Und das kommt so:

Das EZB-Direktorium besteht prinzipiell aus sechs Personen: einem Präsidenten (derzeit Jean-Claude Trichet aus Frankreich), dem Vizepräsidenten (Vitor Constantio, Portugiese, bis 2018 gewählt) und vier weiteren Direktoren. Um deren besondere Unabhängigkeit zu unterstreichen, sahen die Väter des Maastricht-Vertrages für sie eine besonders lange Amtszeit von acht Jahren vor. Kein Politiker, keine Regierung sollte diese abkürzen können, oder  einen EZB-Direktor zu irgendetwas zwingen können.

Wenn überhaupt, dann kann ein EZB-Spitzenbanker nur durch einen Entscheid des Europäischen Gerichtshofes seines Amtes enthoben werden. Dazu müsste er vermutlich mehr angestellt haben als silberne Löffel klauen.

Nun wollten sich die einflussreichsten Regierungen seit 1998, als mit der Schaffung der Währungsunion erstmals eine EZB-Spitze gekürt wurde, über die Besetzungspolitik zumindest Frauen und Männer aus ihrer eigenen Bankenwelt nach Frankfurt schicken und so eine Art finanz-kulturellen Einfluss ausüben. Es galt seither die informelle Regel, dass Deutschland und Frankreich als die mit Abstand stärksten Volkswirtschaften immer im Direktorium vertreten sind, ebenso Spanien und Italien. Die übrigen beiden Sitze gingen an kleine Länder, Niederlande (das mit Wim Duisenberg den ersten EZB-Chef stellte) oder eben Österreich mit Tumpel-Gugerell, die aus der Nationalbank kam.

Hätte der Deutsche Axel Weber den Franzosen Trichet abgelöst, hätte Frankreich zwar kurz aussetzen müssen, bis der nächste Direktor ans Amtsende kommt. Aber die Balance zwischen Nord und Süd hätte an der Spitze gepasst, mit einem deutschen Präsidenten und einem portugiesischen Vizepräsidenten. Weber hat dieses Konstrukt nun brutal zum Einsturz gebracht, als er alles hinwarf.

Denn Italien hat seine Chance blitzartig erkannt und den Chef der Banca d’Italia, Mario Draghi, als möglichen Präsidenten nominiert. Ein erfahrener, exzellenter Banker, der den deutschen Wirtschaftsweg bewundert. Und schon werden in einflussreichen Zeitungen wie der Financial Times Kolumnen geschrieben, warum Draghi unbedingt Trichet nachfolgen muss.

Da mit dem Italiener Lorenzo Bini Smaghi und dem Spanier Manuel Gonzales Paramo bereits jetzt zwei weitere Männer aus dem Süden im Direktorium sitzen (bis 1013 bzw. 2014 gewählt) und diesem noch lange angehören werden, wäre die Überdominanz der PIIG-Länder fast perfekt.

Dem EU-Vertrag ist das egal. Er kennt nur qualifizierte Personen, richtet sich nicht nach Nationalität. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel steht daher jetzt etwas blöd da. Wie soll man all die Milliardenzahlungen für den Euro öffentlich rechtfertigen, wenn die Spitze der EZB so stark mit Bankern aus den Notenbanken der Schuldenstaaten besetzt sind? Jemanden frühzeitig aus dem Amt zu drängen geht aber auch nicht: Das verbietet der Vertrag, untergräbt die Glaubwürdigkeit der Unabhängigkeit von EZB-Direktoren.

Merkel musste jetzt erst einmal einen Chef für die deutsche Bundesbank suchen: Sie nominierte ihren Wirtschaftsberater Jens Weidmann. Aber Spitzenbanker, die das Zeug zum Chef von Europas Zentralbank haben und von allen Euro-Staaten akzeptiert werden, die sind nicht so leicht zu finden. Klaus Regling, der den Euro-Rettungsfonds seit Juli 2010 leitet, der als Spitzenbeamter in Berlin und in der EU-Kommission mit dem Euro sehr vertraut ist, wird es gegen Draghi schwer haben: Regling hat noch nie in einer Notenbank gearbeitet.

Bliebe Merkel eigentlich nur zu versuchen, Jürgen Stark, der seit 2006 als Chefvolkswirt im EZB-Direktorium wirkt, ins Rennen zu schicken. Er hat auch noch nie eine Notenbank geleitet, aber er verfügt über viel Euro-Erfahrung. Stark war 1996, als der Euro auf den Weg gebracht wurde, Staatssekretär beim damaligen Finanzminister Theo Waigel. Ob er gegen Draghi Chancen hätte, ist aber eher ungewiss. Ein EZB-Chef muss sich vor seiner Kür auch dem Europäischen Parlament stellen.

Derzeit läuft also alles auf Draghi zu. Durch die Bank wird er als der qualifizierteste Bewerber beschrieben. Luxemburgs Finanzminister Luc Frieden hat bereits erklärt, dass die Regierungschefs so rasch wie möglich eine Entscheidung treffen sollen, spätestens bis Ende März.

Es sei denn, dass doch noch der Finne Erkki Liikanen, der die finnische Notenbank leitet, das Rennen macht. Oder als Außenseiter gar Österreichs Gouverneur Ewald Nowotny? Dann würden mit ihm, dem Belgier Praet und dem Portugiesen Constancio drei Vertreter von kleinen Ländern im Direktorium sitzen. Das wären "harte Zeiten" für die Großen Deutswchland und Frankreich.

Kommentar posten
15 Postings
griechischer wein
00
17.2.2011, 16:31
noch ein paar griechen und iren dazu

:)

Johann Dau
02
16.2.2011, 14:52

Warum wird eigentlich in keinem Artikel erwähnt, dass der hochqualifizierte Herr Draghi im Vorstand von Goldman Sachs tätig war, just zu jener Zeit, als diese Bank die nationalen Statistiken für Griechenland fälschte, um diesem doch noch den Euro-Beitritt zu ermöglichen. Dies stand ja am Anfang der Eurokrise - soll sie jetzt mit ihrem (Mit-)Auslöser bekämpft werden?

Warentester
00
16.2.2011, 15:14

"...dass der hochqualifizierte Herr Draghi im Vorstand von Goldman Sachs tätig war,..."

Weil dann mit einen Schlag klar wäre, warum die üblichen Verdächtigen diesen Herrn, mit in Wirklichkeit fragwürdigen Qualifikationprofi,l so pushen. Wenn der kommt, na dann viel Spaß. Dann können wir uns alle wieder bei der unfähigen Angela bedanken, das sie diesen gefährlichen Goldsachsen die Rutsche gelegt hat.

Poldi Fesch
01
17.2.2011, 13:52
um Draghi eine

fragwuerdige Qualifikation zu unterstellen, musz man schon ziemlich deppert sein

p c2
01
20.2.2011, 16:33

na ja, wenn die banken nicht nur sich selbst sondern auch die staaten in denen sie ansässig sind in den bankrott treiben dann sollte man sich schon fragen was deren qualifikation eigentlich wert ist.

und wer das selbst heutzutage nicht tut, der sollte wenn er das wort deppert gebraucht sich am besten mal vor den spiegel stellen.

Poldi Fesch
00
20.2.2011, 17:30
geh bitte

der Typ hat 1970 mit Auszeichnung promoviert, PhD am MIT; diverse Lehrauftraege, Weltbank, mehrmals "Schatzminister", Vorstand bei Goldman & Sachs, der versteht sein Handwerk. Dies zu leugnen waere ein Indiz fuer Idiotie

p c2
01
21.2.2011, 19:30

haben sie überhaupt ansatzweise verstanden was ich geschrieben habe resp. was hier z.zt. abgeht.

mittlerweile ist das sogar in den mainstream medien angekommen. also auch für sie erfassbar.

http://www.spiegel.de/wirtschaf... 96,00.html

ja, titel hat er viele.
und das resultat von diesen leuten ist auch ganz toll.

Poldi Fesch
00
21.2.2011, 22:16
ja, ich hab verstanden,

dasz sie mir einen Artikel verlinkt haben, in dem wenig neues steht. Politisch kontrollierte Banken sind pleitenah, was hat das mit einem Fachmann sie Draghi zu tun ?

Warentester
01
17.2.2011, 14:18

Diesen schleimigen Mafioso und Kriminellen? Diese widerlicher Figur von Goldman Sachs? Ja, wenn es um kriminelle Machenschaften und Abzockereien geht, ist seine Qualifikation natürlich unbestreitbar. Der größte Skandal ist, das der und seine Kumpels noch nicht im Häfen sind, sondern das er jetzt dafür gehandelt wird, zwecks Bereicherung von sich und seinen Freunden die Bürger Europas restlos zu verarmen. Wer das nicht sieht fällt wohl in die gleich Kategorie, wie Leute die "zu schön, zu reich, zu gut verheiratet"-Briefe, an selbsternannte "beste Finanzminister aller Zeiten" schreiben (der KHG passt übrigens super zum Draghi). Keine Ahnung von nix, aber Propaganda (zum eigenen Schaden) nachplappern.

Poldi Fesch
00
17.2.2011, 16:03
ja, ja

schon gut und ueberhaupt sind die so boese, diese Bakster aber auch

Nix Genaues woas ma zur Zeit nu ned!
 
01
16.2.2011, 14:18
Denke ...

... Österreich bemüht sich in Summe, viel zu wenig darum, in den diversen europäischen Gremien präsent zu sein.

Insbesondere bei der EZB wäre es doch sehr wichtig, eine kompetente österr. Persönlichkeit in diesem Spitzeninstitut zu haben.

Wenn man bedenkt, dass österr. Banken durch ihre massive Ostexpansion ja immerhin in die mittlere Riege europ. Finanzinstitute aufgestiegen sind, so sollte sich dies auch in einer verstärkten Präsenz in den europäischen Institutionen niederschlagen.

Nachhaltige, strategisch-vorausschauende Wirtschafts- (und Interessen)politik schaut anders aus!

MARTIN FREUKES
 
00
16.2.2011, 11:21
Postenkarusell in der EZB ohne Politik ?

Wer das glaubt ist auf dem Holzweg. Aber diese Lösung genau betrachtet hat etwas Gutes. Sie heisst "Kontinuität", und das genau der schwache Punkt in der EZB. Pauselose Spekulationen und wechselde Interessen innerhalb der EZB haben den EURO auch nicht besser darstehen lassen. Das heisst für die Zukunft das die Regierungen schneller wechseln als die Verantworlichen in der EZB und somit ein Miteinander zwingend ist. Die Politiker in Zukunft werden Ihre Kanditaten presentiern, aber mit einem anderen Kriterien, denn die Summe kommt am Ende und kann mit Vorschusslorbeeren nicht verschönert werden. Dem Wähler ist es wichtiger von einer starken Währung zu profitieren als Politiker mit weniger Einfluss im Postenkarusell der EZB. Es lebe die EU!

Bluestone
01
16.2.2011, 06:16

Weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist...bis 2019 und praktisch unkündbar an so einer sensiblen Stelle.

sokra
00
17.2.2011, 09:12

Die Unkündbarkeit ist aber eine Voraussetzung für Unabhängigkeit.

Will nicht behaupten dass die EZB völlig unabhängig von der Politik ist- aber wenn sich der EZB-Chef immer davor fürchten müsste gekündigt zu werden, würde er noch viel stärker auf diverse Machthaber hören. Und von diesen hat wohl keiner Interesse an einer starken Währung (auch wenn sie es öffentlich behaupten).

Wäre aber interessant zu wissen, ob eine dauerhafte eklatante Verfehlung des Inflationszieles der EZB zu einem Absetzungsverfahren führen könnte (schließlich ist das ja der alleinige Auftrag der EZB).

Europa geht pleite, wer geht mit?
 
13
15.2.2011, 21:19
Ab jetzt wird inflationiert,

und zwar hemmungsloser als je zuvor!

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