Spazieren im historischen Garten der Natur

15. Februar 2011, 19:39
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"Wege des Wissens" sollen den Blick der Besucher auf Forschungsprojekte im Naturhistorischen Museum Wien lenken

DER STANDARD hat sich umgesehen und mit Wissenschaftern des Hauses geredet.

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Eine Wirtschaftskrise mutet im Vergleich zu einer Krise in der Erdgeschichte geradezu lächerlich an. Die "Karnische Krise" beispielsweise, die unseren Planeten in der Trias-Zeit vor ungefähr 220 Millionen Jahren nachhaltig veränderte, dauerte zwei bis drei Millionen Jahre an und hatte zur Folge, dass der Großteil der Meereslebewesen, allen voran Ammoniten, verendete.

"Sie starben zu Millionen und wurden in Meeresbecken des Ur-Ozeans Tethys abgelagert", erklärt Alexander Lukeneder, Kurator der Mesozoikum-Sammlung und Wissenschafter am Naturhistorischen Museum Wien (NHM). "Heute kann man ihre Überreste im Taurus-Gebirge in Anatolien finden." Oder im Museum.

Doch bevor Fossilien und Co in Schaukästen und Vitrinen betrachtet werden können, werden sie wissenschaftlich untersucht, erforscht und aufbereitet. Diese Tatsache möchte das NHM mit einem neuen Ausstellungskonzept hervorheben: aktuelle Forschungsprojekte sollen in eigenen Säulenvitrinen sichtbar gemacht und verständlich präsentiert werden. Das Museum zählt mit mehr als 50 wissenschaftlichen Mitarbeitern immerhin zu den größten Forschungseinrichtungen des Landes. Ab 19. Februar werden die insgesamt zwölf Forschungssäulen verteilt in den thematisch dazupassenden Schausälen zu sehen sein.

Mehr Platz der Wissenschaft

Man folgt damit den Plänen Christian Köberls - seit Juni vergangenen Jahres ist der Geologe und Meteoritenforscher Leiter des Hauses am Wiener Burgring -, der nicht nur dem Museum selbst mehr Platz geben möchte, sondern auch der Wissenschaft: "Grundsätzlich ist das Museum ja eine Forschungsinstitution und nicht nur ein Ort, an dem man ausgestopfte Tiere zeigt", wie er im Standard betonte. "Wir wollen dem Publikum vermitteln, dass im Museum spannende Forschung gemacht wird."

So leitet Paläontologe Lukeneder gleich zwei Projekte des Wissenschaftsfonds FWF. Zum einen untersuchen er und ein internationales Team im Hinterland der Türkei die Ursache der Karnischen Krise - die bis heute heftig diskutiert wird. Zum anderen versucht ein anderes Forscherteam, in den Südtiroler Dolomiten das Klima und Leben der Kreidezeit vor rund 140 bis 90 Millionen Jahren zu entschlüsseln.

3-D-Rekonstruktionen

In der Ausstellung Wege des Wissens repräsentiert denn auch eine von zwölf Säulenvitrinen Lukeneders Arbeit. Darin zu sehen ist ein circa zehn mal 20 Zentimeter großes, schwarzes Stück Stein, das übersät ist mit fossilen Ammoniten-Überresten, die sich reliefartig von ihrem steinernen Hintergrund abheben.

Gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Susanne Mayrhofer schildert er den Prozess, wie man aus einem solchen Klumpen verwertbare Ergebnisse erhält. Unter anderem kommen Isotopen- und Spektralanalyse zum Einsatz, aber auch Handarbeit ist gefragt: "Eine Gesteinsprobe muss aus einem Block geschnitten werden, diese wird dann zur Stabilisierung in Beton gegossen, poliert und eingescannt", erläutert Lukeneder. Danach werde eine feine Schicht abgeschnitten, dann wieder poliert, dann wieder eingescannt. "Aus diesen 2-D-Schnittbildern kann ein 3-D-Modell errechnet werden", ergänzt Mayrhofer. Kombiniert mit einem Oberflächen-Laserscan ergibt sich schließlich eine komplette 3-D-Rekonstruktion der Gesteinsprobe.

Über all diese Schritte klären Kurztexte mit Abbildungen, die in einer Schublade im Korpus der Säule versteckt sind, auf. Ein Poster auf der Rückseite soll bei der zeitlichen Einordnung der Geschehnisse, deren Auswirkungen und möglicher Ursachen helfen. Die Gestaltung der einzelnen Säulen, die sich optisch von den traditionellen Vitrinen unterscheiden, ist manchmal skurril: So wird mit Golfball und -schläger auf ein Forschungsprojekt zu dem vom Aussterben bedrohten Ziesel hingewiesen. Ein schwebendes Fernglas und ein in der Luft hängendes Paar Ohrmuscheln sollen verdeutlichen, dass man für die Vogelbeobachtung offene Augen und vor allem gespitzte Ohren braucht.

Das bevorzugte Werkzeug des Insektenforschers ist ein schlichtes Netz, wie Herbert Zettel, Kurator der Insektensammlung am NHM, erklärt. Deshalb ist ein solches, etwas antiquiert aussehendes Schmetterlingsnetz neben einem Aufbewahrungsbehälter und einem "genadelten" Insekt, auch der Hauptbestandteil "seiner" Vitrine.

Zettel präsentiert darin ein Projekt zur Erforschung der Artenvielfalt am Beispiel von Wasserinsekten, etwa einer seltenen Grundwanze, in Brunei auf der Insel Borneo. Einem Land mit großer Artenvielfalt, die jedoch zunehmend bedroht ist, wie er erzählt. Er berichtet vom Aufenthalt in einer Tropenstation, die nur auf dem Wasserweg erreichbar ist, und von der Entdeckung unbeschriebener und wenig bekannter Arten.

Interaktive Ladenelemente

"Die Arbeit mit den vielfach nur wenige Millimeter großen Insekten ist oft fitzelig", sagt Zettel. Früher musste man diese noch mit Tusche zeichnen, berichtet er weiter. "Heute greift man auf eine spezielle Kamera zurück, die an ein Mikroskop angeschlossen ist." Damit wurden auch jene Großaufnahmen gemacht, die den Hintergrund der Vitrine bilden.

Wie bei den anderen Säulen auch sollen Audio- und Videobeiträge als interaktive Elemente in den Schubladen zusätzliche Informationen zu den einzelnen Forschungsthemen bringen. Gestaltet wurden die Beiträge von zwei Schulklassen im Rahmen einer Projektwoche. (Markus Böhm/DER STANDARD, Printausgabe, 16.02.2011)

=> Wissen: Naturhistorisches


Wissen: Naturhistorisches

Seit mehr als 260 Jahren tragen Biologen, Geologen, Archäologen, Paläontologen und Anthropologen den wissenschaftlichen Schatz des Wiener Naturhistorischen Museums zusammen, seit 121 Jahren ist die Institution im Haus am Ring beheimatet. Rund 20 Millionen Objekte finden sich heute in den Schauräumen, Sammlungen und Tiefspeichern des Hauses am Ring, darunter etwa die 25.000 Jahre alte Venus von Willendorf. Begründet wurden die Sammlungen von Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen. Gemeinsam mit seiner Gemahlin Maria Theresia legte er den Grundstein für das heutige Museum. Das "Naturhistorische", das 2010 527.744 Besucher verzeichnete, ist in zwölf wissenschaftliche und drei Fachabteilungen gegliedert, darunter eine mineralogisch-petrografische, eine geologisch-paläontologische und drei zoologische (Wirbeltiere, Wirbellose und Insekten). (max)

 


Gelegenheit für Einblicke aus erster Hand gibt es auch für die Besucher: Am 27. 2. stellen die Wissenschafter ihre Forschungsprojekte samt den zugehörigen Säulen persönlich vor. Zusätzlich präsentiert ab März an jedem ersten Mittwoch im Monat (jeweils 17.30 Uhr) ein Wissenschafter des Hauses ein Forschungsprojekt.

Link
www.nhm-wien.ac.at

  • Herbert Zettel, Kurator der Insektensammlung des Naturhistorischen Museums, erklärt den Inhalt "seiner" Säulenvitrine. Diese wird Teil eines "Forschungspfades" durch das Museum sein.
    foto: hans hochstöger

    Herbert Zettel, Kurator der Insektensammlung des Naturhistorischen Museums, erklärt den Inhalt "seiner" Säulenvitrine. Diese wird Teil eines "Forschungspfades" durch das Museum sein.

  • Netz, Aufbewahrungsbehälter und Nadeln sind das Handwerkszeug des Insektenforschers. Die Säulenvitrinen sollen Einblick in die Arbeit der Wissenschafter des Museums geben.
    foto: hans hochstöger

    Netz, Aufbewahrungsbehälter und Nadeln sind das Handwerkszeug des Insektenforschers. Die Säulenvitrinen sollen Einblick in die Arbeit der Wissenschafter des Museums geben.

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