Strache und die blauen Rathaus-Softies

15. Februar 2011, 18:24
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Seit der Wien-Wahl ist es still geworden um die FPÖ - Den Rathausneulingen mangelt es an Wissen, Klubchef Johann Gudenus an Profil - Die leiseren Töne gehören zum Kalkül der Blauen, die nun Bürgerliche ansprechen wollen

Wien - Sie bezeichnen Rot-Grün zwar gern als linksextremes Wahnsinnprojekt, das nur Unheil über Wien bringe, fordern die Stadtregierung aber dennoch ständig dazu auf, endlich in die Gänge zu kommen. Nicht nur die beiden Koalitionäre, auch die Wiener Blauen - die sich bei der Gemeinderatswahl im Oktober verdoppelt haben - tun sich mit ihrer Neuaufstellung schwer.

Von jeher beschränkt sich die FP darauf, gegen alles zu sein, was von den Regierenden kommt. Nachdem Rot-Grün allerdings bisher wenig Inhaltliches verlauten ließ, werkt die blaue Landestruppe praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin. Für den letzten großen Auftritt im Boulevard mussten sie sogar in die Parteikasse greifen: Um auf den akuten Platzmangel im blauen Rathausklub aufmerksam zu machen, schaltete die FP halbseitige Inserate in "Krone" und Co.

Vor ein paar Jahren hätte man solche medialen Aufmerksamkeitsdefizite noch mit ein paar Rechts-außen-Sprüchen bekämpft. Diese Zeiten sind nun aber offenbar vorbei. Denn der neue Klubobmann Johann Gudenus führt die vom Wiener Parteichef Heinz-Christian Strache im Wahlkampf vorgegebene Linie fort. Provokationen sind von langer Hand geplant und geschehen hauptsächlich mittels Plakatkampagnen (siehe "Wiener Blut"), Missstände werden nicht mehr nur lauthals angeprangert, man denkt auch über Lösungen nach. Auf verbale Ausrutscher von blauen Rathausneulingen wartet man bisher vergebens. Dabei ist eine ganze Reihe junger Burschenschafter nachgerückt. Gudenus, der einst selbst von "Umvolkung" sprach, hat die neue Truppe gut im Griff.

Gemäßigte Linie

"Unsere Linie hat sich nicht geändert", sagt er, "wir wollen aber mehr Wählern ein Angebot machen - vor allem auch aus dem bürgerlichen Lager." Das führt unter anderem dazu, dass die Blauen sich nicht mehr grundsätzlich gegen Zuwanderung verwehren. "Wenn es qualifizierte Leute sind - gerne" , sagt Gudenus ganz im Geiste seines Parteichefs Strache. An den Problemen an den Wiener Schulen ist plötzlich auch nicht mehr nur der Nachwuchs von Migranten schuld. "Österreichische Kinder sprechen oft nicht gut Deutsch."

Hinter dieser gemäßigten Strategie steckt Herbert Kickl, der freilich auch anders kann: Im Wien-Wahlkampf 2005 dichtete er noch "Pummerin statt Muezzin" auf Wiener Plakatwände.

Wenig Erfahrung der FP-Gemeinderäte

Die FPÖ könne nach wie vor ganz auf das Frustpotenzial der Protestwähler bauen, sagt Politikberater Thomas Hofer. In kurzen Kampagnen würden der Regierung Fehler und Untätigkeit vorgeworfen, dazwischen verschwinde Strache aber regelrecht. "Für eine Dauerkampagne ist die FPÖ personell gar nicht ausgestattet", glaubt Hofer, "aus der monothematischen Ecke kommt man so aber nicht heraus."

Tatsächlich scheint es vielen Gemeinderäten schlicht an Wissen zu mangeln. Geradezu auf "Pennälerniveau" würden sich die blauen Wortmeldungen in den Ausschüssen bewegen, sagt eine rote Mandatarin: "Da geht es nur darum zu stören, nicht um den Meinungsaustausch." Ähnlich sieht das ein Grüner: "Die treten immer im Pulk auf und sind prinzipiell dagegen."

Immer noch Ein-Mann-Show

Bei der Volkspartei wiederum bescheinigt man dem blauen Klubobmann immerhin Handschlagqualität. Seine "unendlich rechte" Gesinnung könne Gudenus, je nach Anlass, gut dosieren. Gerade die Wiener Nummer zwei habe sich noch gar nicht positioniert, meint Politikberater Hofer; die FPÖ sei insgesamt mehr denn je eine Ein-Mann-Partei: "Jörg Haider hatte zumindest Susanne Riess-Passer oder Karl-Heinz Grasser für bestimmte Zielgruppen." Mittelfristig könne das zum Problem werden: "Auch die FPÖ ist nicht unverwundbar." (Andrea Heigl, Martina Stemmer, DER STANDARD-Printausgabe, 16.2.2011)

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    Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus: Der Parteichef kümmert sich wieder um Bundespolitik, sein Wiener Statthalter bemüht sich um eigene Konturen.

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