"Wir betreiben angewandte Sozialarbeit"

15. Februar 2011, 18:34
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Austria Salzburg strebt in die Erste Fußballliga. Dazu bräuchten die Violetten ein neues Stadion, meint Obmann Walter Windischbauer

Standard: Austria Salzburg will ein neues Stadion. Kostenpunkt rund 14 Millionen Euro. Das soll im Wesentlichen die öffentliche Hand bezahlen, heißt es. Salzburg hat doch ein großes Stadion in Wals-Siezenheim. Wozu dann noch ein eigenes Austria-Stadion?

Windischbauer: Das Stadion Wals-Siezenheim steht erstens einmal nicht in der Stadt Salzburg. Und es fasst 30.200 Zuschauer. Ein solches Stadion ist von der Dimension her für Spiele in der zweiten österreichischen Bundesliga einfach nicht tauglich. Der Fußball lebt von Emotionen, der Fußball lebt von Zuschauern, deren Funke auf die Spieler überspringt und umgekehrt. Es kommt bei einem Stadion, das mit fünf-, sechstausend Menschen gefüllt ist, eine ganz andere Stimmung auf als bei Spielen in einem nur zu einem Fünftel gefüllten Stadion. Dazu kommt, dass unsere aktuelle Spielstätte im Stadtteil Maxglan nicht ausbaufähig ist. Für die Erste Liga werden bestimmte Voraussetzungen gefordert. Man braucht beispielsweise eintausend überdachte Sitzplätze, wir haben jetzt 400. Man braucht ein taugliches Flutlicht und Infrastruktur wie etwa Parkplätze.

Standard: Trotzdem: Ist es nicht frivol, zumal Salzburg nicht einmal ein Hallenbad für die Kinder und Schwimmkurse hat, zu sagen, wir brauchen Millionen von der öffentlichen Hand?

Windischbauer: Wir brauchen in Wahrheit beides. Ich bin dagegen, dass man Sportplatz gegen Sportplatz ausspielt. Es geht außerdem nicht nur um ein Stadion. Es geht auch darum, in einem benachteiligten Stadtteil - und ein solcher ist Liefering nun einmal - für hunderte Jugendliche ein Freizeitangebot zu schaffen. Austria Salzburg hat derzeit zehn Nachwuchsmannschaften. Da spielen 220 junge Burschen, die großteils aus nicht unkomplizierten Verhältnissen kommen - oft mit Migrationshintergrund. Das sind Jugendliche, die so von unangenehmeren Freizeitbeschäftigungen abgehalten werden. Wir haben ganz fest vor, im neuen Stadion Nachmittagsbetreuungseinrichtungen zu etablieren. Zu diesen jetzt 220 Jugendlichen kommen dann noch einmal so viele dazu, wir reden da von fast 500 sportelnden Jugendlichen samt Geschwistern und Familien. Wir betreiben angewandte Jugend- und Sozialarbeit und halten die Leute ab, auf dumme Gedanken zu kommen.

Standard: Rudolf Quehenberger - Austria-Präsident in den 1990er Jahren - sagt, ein neues Stadion sei erst sinnvoll, wenn der Verein in der Ersten Liga spielt. Ab wann ist es denn so weit?

Windischbauer: Wenn es nach unseren Plänen geht, wird die Austria 2013 in die Erste Liga aufsteigen. Wir werden im nächsten Spieljahr die Weichen für einen Aufstieg stellen. Es ist aber zu erwarten, dass das nicht beim ersten Mal gelingt. Wir können aber nicht bis zum Aufstieg warten, und dann haben wir kein Stadion, wo wir spielen können.

Standard: Eine andere Baustelle neben dem Stadion sind für die Austria die gewaltbereiten Fans. Warum bekommen Sie das nicht in den Griff?

Windischbauer: 97 Prozent der Fans sind absolut in Ordnung. Die dominieren das Bild des Publikums. Wir sind aber jetzt dabei, ein Projekt mit Sozialarbeitern, Lehrern, Jugendbetreuern zu starten, um für sozial besonders schwierige Jugendliche regelmäßig eine Ansprechstelle zu bieten. Neben dem Nein zu Neofaschismus und Rechtsradikalismus sind wir der Gewaltfreiheit verpflichtet. Wer dagegen verstößt, wird aus der Familie ausgeschlossen. Wir haben derzeit 23 Stadionverbote durchgesetzt.

Standard: Wie ist denn Ihr Kontakt zu Red Bull? Gehen Sie zu den Spielen?

Windischbauer: Ich war im letzten halben Jahr einmal eingeladen. Wenn ich Gelegenheit habe, bin ich auch bei Rapid oder Sturm Graz. Als Red Bull gekommen ist, habe ich mich über den neuen potenten Sponsor gefreut. Dann habe ich aber erkennen müssen, dass Red Bull mit der Tradition der Austria nichts zu tun haben wollte, alles den Vermarktungsinteressen untergeordnet hat und dort eine neue Sportart betreibt, die mit dem ehrlichen, erdigen Fußball der Austria nichts mehr zu tun hat.

Standard: In Salzburg hat Red Bull das Geld, die Austria hat die Herzen. Wie steht es ökonomisch um die Austria?

Windischbauer: Wir stehen auf einer gesunden Basis. Wir können heuer, in unserer ersten Regionalligasaison, ausgeglichen bilanzieren. Wenn wir eine taugliche Spielstätte finden, bin ich auch weiterhin optimistisch. (Thomas Neuhold - DER STANDARD PRINTAUSGABE 16.2. 2011)

Walter Windischbauer (53) ist seit Juni 2010 Obmann von Austria Salzburg. Der promovierte Jurist und Psychologe arbeitet als Geschäftsführer des Mieterschutzverbandes Salzburg.

  • "Red Bull wollte mit der Tradition der Austria nichts zu tun haben."
    foto: lukas prudky

    "Red Bull wollte mit der Tradition der Austria nichts zu tun haben."

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