"Ohne uns wäre Ägypten nicht möglich gewesen"

15. Februar 2011, 22:56
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Einen Monat nach Ben Alis Sturz feierten die Menschen ihren Sieg über das Regime - Wohin das Land steuert, darüber herrscht keine Einigkeit

"Ich kann nicht in Worte fassen, was ich empfinde", sagt einer der drei Männer, die sich Schals in den tunesischen Nationalfarben umgehängt haben. Er und seine Kameraden werfen sich einen kurzen Blick zu, und schon treten die drei aus dem Sicherheitsbereich in die Ankunfthalle des Flughafens von Tunis. Dutzende von Angehörigen und Freunde drängen sich dort. Freudenrufe, Tränen, Umarmungen. "20 Jahre im Exil in Paris, und jetzt endlich zurück!", ruft der älteste der drei.

Ankunft in der Heimat. Es ist ein Monat vergangen, seit die tunesische Jugend Präsident Zine el-Abidine Ben Ali davongejagt hat. Auf der Flaniermeile von Tunis, der Avenue Bourguiba, herrscht Feststimmung. Dort, wo noch vor vier Wochen die großen Demonstrationen gegen den verhassten Diktator stattfanden, feiern die Menschen ihre Revolution und sich selbst.

"Ein herzliches Adieu Ben Ali", singt eine Clique junger Frauen zur Melodie von Happy Birthday. Fahnen werden geschwenkt, Luftballons flattern, es gibt Popcorn.

Die heilige Revolution

"Sankt Valentin wird zu Sankt Revolution", titelte eine der großen Zeitungen des Landes. Es ist das Fest, das vor einem Monat nicht stattfinden konnte. Damals herrschten Ausnahmezustand und strikte Ausgangssperre. Scharfschützen und Milizionäre des Regimes verbreiteten Angst. Jetzt verteilen Menschen Blumen an die Soldaten, die in jenen Tagen für Sicherheit sorgten und die mit ihren Panzern noch immer vor dem Innenministerium stehen.

Auf der Theatertreppe haben sich hunderte junge Menschen versammelt. "Mein Herz schlägt nur für dich Tunesien, mon amour", steht auf einem Schild. "Wir haben es allen vorgemacht, wie es geht. Schau nach Ägypten, ohne uns wäre das nicht möglich gewesen", sagt ein junger Mann.

Die Zukunft des Landes ist ein großes Thema. "Das Wichtigste ist die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit", meint der 28-jähriger arbeitslose Agraringenieur Mohammed. Seine Freunde, alles Akademiker ohne Job, stimmen ihm zu.

Andere zerbrechen sich den Kopf über den künftigen Staatsaufbau. Studenten aus der technischen Hochschule sind sich einig: "Der Präsident darf nur ganz wenig Macht haben. Wir brauchen ein starkes Parlament", wie der 23-jährige Mahdi erklärt.

"Das Volk ist müde"

Die jetzige Entwicklung laufe in die falsche Richtung. "Wir können den Übergang nicht mit ein paar Änderungen an der Verfassung machen. Schau nach Ägypten, da haben sie die Verfassung einfach aufgehoben", sagt Mahdi. Wenn es nach ihm ginge, müsste zuerst eine verfassungsgebende Versammlung gewählt werden und nicht ein neuer Präsident, wie es die Übergangsregierung anstrebt. "Ich bin mir sicher, dass dies viele genauso sehen", sagt er, doch "das Volk, das Land ist zu müde, um weiter auf die Straße zu gehen."

Das Hotel Africa auf der Avenue Bourguiba ist seit einer Woche geschlossen. "Wir sind im Streik", haben die Arbeiter auf Metallwände gesprüht. Andere Parolen beziehen sich auf prekäre Verträgen und niedrige Löhne. Überall herrscht Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen. Die Müllabfuhr streikt. Tunisair musste am Wochenende Flüge wegen eines Arbeitskampfes stornieren.

"Wir können nicht einfach nur Forderungen stellen. Wir haben eine Verantwortung für das Land", sagt der 52-jährige Französischlehrer Jalel. Er erzählt von einem Schweigemarsch, der die Landsleute aufforderte, eigene soziale Interessen hintanzustellen, solange der Übergang zur Demokratie nicht gefestigt sei. "Denn sonst bricht die Wirtschaft zusammen", mahnt Jalel. Und das könne chaotische Zustände zur Folge haben. "Wir wollen doch nicht, dass die Leute irgendwann sagen, unter Ben Ali sei alles besser gewesen!" (Reiner Wandler aus Tunis/DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2011)


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    "Freiheit, Demokratie, Laizität" - Revolutionsparolen an einer Wand in Tunis. Vor einem Monat verjagte die Jugend Ben Ali.

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