Baustoff-Malerei mit Spachtelmasse

15. Februar 2011, 18:37
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Luisa Kasalicky im Kunstraum Bawag Contemporary

Wien - Luisa Kasalicky hat einen Blick für das Besondere im Unscheinbaren, ein Herz „für Dinge, die unbeachtet dahinvegetieren". Es sind Dinge, die ihr beim Flanieren in der Stadt auffallen; etwa zugemauerte Fenster, schmiedeeiserne Gitter, Kanaldeckel oder Lüftungsgitter in den Sockeln alter Häuser: In der Innenstadt sind Letztere weitaus ornamentaler, oft findet man ein X über einer Kreisform, erzählt die Künstlerin.

Es sind diese „eingesammelten" Strukturen, die Teil von Kasalickys Repertoire der Erinnerungen werden und in ihre Arbeiten einfließen. Etwa in jener, für die aktuelle Ausstellung bei Bawag Contemporary adaptierten Wandarbeit aus rauer Dachpappe, deren eingestanztes Muster von den Lüftungsdeckeln inspiriert ist. 

Gleich daneben hat Kasalicky rote Ziegelsteine aufgestapelt. Sie trennen ab, deuten einen nachfolgenden Raum an, wirken auf den ersten Blick wie letzte Reste einer eingerissenen Mauer. Auf den zweiten Blick ergeben sich allerdings architektonische Assoziationen, dann fügen sich die Quader zu einer Art Baukörper: Die städtische Alltagserfahrung ist der Künstlerin wichtig. Insbesondere die Gemeindebauten der 1930er-Jahre faszinieren sie wegen ihres festungsartigen Charakters. Sie haben eine hermetische, wehrhafte und robuste Formensprache wie eine mittelalterliche Burg. 

Architektonische Formen wie Stuck inspirierte die 36-Jährige auch zu einem anderen Wandbild, das sie aus Pressspanleisten und Gummi, genauer gesagt Waschmaschinenunterlagen, fertigte. Es sind normierte Materialien aus dem Baumarkt - wie Dachpappe, Messingrohre, Regenrinnenschellen oder Fliesen - die Kasalicky in ihren installativen Arbeiten verwendet:_Malerei, die in den Raum greift. Die verschiedenen Oberflächen reizen sie und verleihen der Ausstellung auch eine sinnliche Komponente.
Statt wie zu Beginn ihres Malereistudiums an der Akademie (inzwischen ist sie Assistenten in der Klasse Bohatsch) verschiedene Malstile in einem Bild zu vereinen, mixt sie nun Objekte und Materialien aus unterschiedlichen Kontexten, die sowohl Assoziationen an Alltägliches zulassen als auch an ihre eigene funktionale Herkunft erinnern. Der wiederverwertete grüne Loden eines Hubertusmantels trägt neben seinen warmen, textilen auch noch narrative Qualitäten. Diese Zweideutigkeit ist ihr wichtig. Statt mit klassischen künstlerischen Farben wie Acryl und Öl arbeitet sie nun mit Spachtelmasse, Grundierung und Möbellacken oder greift auf die Farbigkeit der Werkstoffe, etwa das Grün des Laminatuntergrunds, zurück.

Zum Interieur verdichtet

Es ist eine Form collagierter Malerei, für die Kurt Schwitters, Frank Stella oder Jessica Stockholder prägend waren. Vieles erinnert auch an Installatives von Manfred Pernice, doch während der Bildhauer dem öffentlichen Raum eher Fragen zur Skulptur und Inszenierung abringt, nähert sich Kasalicky aus malerischer Perspektive. Trotzdem entwickelt sie die Arbeiten ihrer Schau ganz entsprechend des Titels "En suite, also entlang der Raumfolge der Fin-de-siècle-Architektur. Eine unmittelbare Reaktion auf den Raum, die ihre Arbeit angenehm belebt.

Überdies nutzt sie die Assoziation der „Suite", einer Hotelsuite. Zu einem Interieur verdichten sich ihre Arbeiten auch tatsächlich zusehends. Trotzdem diese an Sitzmöbel, Raumtrenner und Design gemahnen, verschleiern sie niemals die funktionale Herkunft. 

Gerade der Zustand des Unfertigen, da wo Kunstleder und Messingblech noch nicht das rohe Holz verkleiden, erinnert an Orte, wo die Materialeigenschaften und ihre Verwendungmöglichkeiten vorgeführt werden: an Ausstattermessen oder Geschäfte in denen Kasalicky Futter für ihre umfangreichen, lange noch nicht ausgeschöpften, Materialsammlungen findet: Die Objekte, die etwa bei ihrem Metallwarenhändler als Anschauungsmaterial hergestellt werden, könnten als Kunst in jeder Ausstellung hängen, erzählt sie mit einem Schmunzeln. 

Manches, insbesondere die auf grüner Platte arrangierte und an eine Werkzeugtafel gemahnende Installation aus allerlei Lederbändern und Metall, vieles davon mit scharfen Kanten und Spitzen, haben auch etwas Martialisches an sich: ein Mix, der sich in dieser Arbeit wie eine Hommage an den im Vorjahr verstorbenen Bruno Gironcoli ausmacht. Die Dreidimensionalität negierend, wird das Bild wieder zum abstrakten Tafelbild.

Zur Entschlüsselung ihrer Materialmixturen sind auch ihre surreale Zeichnungen aufschlussreich. Dass sie diese "Requisitendepots" nennt, weist auf ein theatrales, bühnenhaftes Element ihrer Arbeit hin. Einige Blätter sind vom Film "The Fall of the House of Usher" (von Jean Epstein nach Edgar Allen Poe) inspiriert: Die Hauptfigur ist ein Adeliger, der in einem über Generationen vererbten Schloss, inmitten des über Jahrhunderte angesammelten Inventars lebt. Die verschiedensten Objekte und Stilepochen, die sich dort mischen, sind es, die Kasalicky interessieren und für ihren eigenen wunderbaren Mix der Ästhetiken Pate stehen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe/Langfassung, 16. Februar 2011) 

  • Spachtelmasse auf Platten umrahmt von Regenrinneneckstücken: Einblick in
 die Ausstellung "En suite" von Luisa Kasalicky bei Bawag Contemporary.
    foto: bawag contemporary

    Spachtelmasse auf Platten umrahmt von Regenrinneneckstücken: Einblick in die Ausstellung "En suite" von Luisa Kasalicky bei Bawag Contemporary.

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