"Echte Wurzeln habe ich eigentlich nirgendwo"

15. Februar 2011, 17:47
6 Postings

In seinen Memoiren spart Musikmanager Hans Landesmann nicht mit Kritik, zum Beispiel an Mortier und Pereira

Wien - Hans Landesmann, 1932 in Wien geboren, überlebte die NS-Zeit in Budapest mit viel Glück: Sein älterer Bruder Peter und er verließen das Salesianerkloster, in dem sie Unterschlupf gefunden hatten, gerade noch rechtzeitig. Denn wenig später stürmten die Pfeilkreuzler das Kloster: Sie trieben die jüdischen Kinder zum Donauufer, ließen sie die Schuhe ausziehen und erschossen sie.

Als er mit der Familie nach dem Krieg zurück nach Wien zurückkehrte, musste Hans Landesmann erst wieder Deutsch lernen. Auch heute noch träumt und rechnet er in Ungarisch. "Da ich mit meiner aus Amerika stammenden Frau zu Hause hauptsächlich Englisch rede, also in drei Sprachen lebe, habe ich das Gefühl, überhaupt keine Muttersprache zu haben."

Er bekennt sich vorbehaltlos dazu, Österreicher zu sein:"Aber wirkliche echte Wurzeln, die mir auch im umfassenden Sinn Erdung, Heimat bedeuten würden, die habe ich eigentlich nirgendwo." So schreibt Landesmann in seinem Buch Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Zsolnay Verlag).

Montagabend wurden die Memoiren, die in Zusammenarbeit mit dem Musikkritiker Karl Harb entstanden, im brechend vollen Probensaal des Klangforum Wien präsentiert. Er habe, sagte Landesmann, der auch in London und New York lebte, darunter gelitten, dass er aufgrund der Sprache immer ausgeschlossen, "nie einer von denen" war:"Ich möchte niemandem empfehlen, ohne Muttersprache aufzuwachsen." Ob daher die Musik zur Heimat wurde? "Das ist ein schöner Satz. Aber ich weiß nicht, ob er stimmt."

Tatsache ist: Landesmann, der Chemie studiert hatte, wurde neben seinem Beruf als Großhändler ein prägender Musikmanager. Zunächst, ab 1978, war er Generalsekretär des Wiener Konzerthauses. Danach engagierte er sich für das European Union Youth Orchestra und das Gustav Mahler Jugendorchester. 1988 erhielt er den Auftrag, die Salzburger Festspiele zu reformieren: Er machte Gerard Mortier zum Intendanten ab 1991 - und er selbst wurde kaufmännischer Leiter. Als Konzertchef programmierte er viele Zeitgenossen. Und Markus Hinterhäuser durfte mit Tomas Zierhofer-Kin das biennale Zeitfluss-Festival ausrichten.

Landesmann hätte es als richtig empfunden, wenn Hinterhäuser Intendant geworden wäre - nicht nur interimistisch 2011. Zumal er von Alexander Pereira, derzeit noch Operndirektor in Zürich, keine gute Meinung hat. Denn Pereira folgte ihm 1984 im Konzerthaus nach. Er hätte damals angedeutet, dass Landesmann ein hohes Defizit hinterlassen habe: "Das hat mich sehr getroffen." Zumal Pereira die sehr wohl vorhandenen Rücklagen für seine erste Saison einsetzte. Er sei dadurch "wie der große Sieger" dagestanden, als "Retter" des Hauses.

Normalerweise ist Landesmann äußerst zurückhaltend. Es überrascht daher, wie schonungslos er in manchen Passagen ist. Die Wiener Symphoniker bezeichnet er als ein "Mietorchester" mit mangelndem Selbstwertgefühl, die Philharmoniker hätten "mit den Pfunden ihres Marktwerts in Salzburg durchaus gewuchert" , und Peter Stein, einige Jahre Theaterchef des Festspiele, wirft er "Geldgier" vor:"Selbst für kleine Shakespeare-Bearbeitungen streifte er zehn Prozent Tantiemen ein."

Finanzdirektor zu sein sei kein Vergnügen gewesen: Landesmann berichtet von Alleingängen Mortiers, die dem Festival mehrere 100.000 Euro Schaden verursacht hätten. Der Intendant, der es nie hätte verwinden können, die Konzertagenden abgegeben zu haben, hätte immer zeigen müssen, "dass er der Alleinherrscher sei" . Daher gab es viele Kämpfe - auch mit Präsidentin Helga Rabl-Stadler.

Ab 2001 war Landesmann Konzertchef derWiener Festwochen. Ehrgeizige Projekte bei Geschäftsführer Wolfgang Wais durchzusetzen dürfte nicht einfach gewesen sein. Und dann fiel ihm auch noch Stéphane Lissner, sein Nachfolger, in den Rücken. Was Landesmann bleibt: die wunderbaren Freundschaften mit Maurizio Pollini, Pierre Boulez, Claudio Abbado und Friedrich Cerha. Und vielleicht kommt es ja doch dazu: dass, wie von Landesmann angeregt, ein Preis für Zweitaufführungen von Opern ausschrieben wird. (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 16. Februar 2011)

  • Chemiker, Kaufmann, Konzertmanager: Hans Landesmann.
    foto: standard/heribert corn

    Chemiker, Kaufmann, Konzertmanager: Hans Landesmann.

Share if you care.