Das Messer im Sack

14. Februar 2011, 18:14
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Am Wochenende überraschte "Kurier"-Chefredakteur Helmut Brandstätter seine Leserinnen und Leser mit einer Enthüllung, die einen Platz in der neuen Rubrik "Austro Leaks" des Blattes verdient hätte: "In zwei Wochen bekommen Arbeiter, Beamte und Angestellte wieder ihre Gehaltszettel."

Am Wochenende überraschte "Kurier"-Chefredakteur Helmut Brandstätter seine Leserinnen und Leser mit einer Enthüllung, die einen Platz in der neuen Rubrik Austro Leaks des Blattes verdient hätte: In zwei Wochen bekommen Arbeiter, Beamte und Angestellte wieder ihre Gehaltszettel. Er erwähnte das, weil er sich über die von ihm vermuteten darauf eingetragenen Durchschnittssummen Zugang zur Psyche der Gehaltszettelempfänger verschaffen wollte, was ihm auch gelang. Wenn dann jemand nach einem Blick auf sein Gehalt die neuesten Enthüllungen aus Grassers Firmengeflecht, Meischbergers Lobbykünste oder Hocheggers PR-Unternehmen erfährt, dann kann auch einem friedlichen Mitbürger das Messer im Sack aufgehen.

In diesem Moment seiner Betrachtungen dürfte Brandstätter den Topos "Es gilt die Unschuldsvermutung" ein wenig aus den Augen verloren haben. Natürlich ist klar, dass es sich bei seinem Bild vom friedlichen Mitbürger, der keine Zeitung mehr aufschlagen kann, ohne dass ihm das Messer im Sack aufgeht, nicht etwa um einen Aufruf zu bürgerlichem Ungehorsam oder gar zu einer unbürgerlichen Neiddebatte handelt, sondern bloß um bedeutungsfreie Metaphorik. Denn er selber weist sofort auf die Möglichkeit hin, wie leicht der friedliche Mitbürger sein Messer am Aufgehen hindern kann: Warum arbeiten, wenn man auch so Millionen verdienen kann und mithilfe guter Steuerberater Wege über Liechtenstein, die Karibik und Zypern findet, um die Steuern zu optimieren, wie es so zynisch heißt?

Was ist daran zynisch, außer der Unterstellung, Grasser, Meischberger und Hochegger hätten für die ihnen gespendeten Millionen nicht so schwer gearbeitet, dass sie gelegentlich sogar vergaßen, was ihre Leistung war und wo ihre Kontos lagen? Wenn der bloße Verzicht friedlicher Mitbürger auf Arbeit reichte, den Landfrieden zu sichern, weil man auch so Millionen verdienen kann und sich dafür nur einen guten Steuerberater sichern müsste, gäbe es keinen Grund für die Feststellung, Grassers Firmenkarussell macht schwindlig. Arbeiter, Beamte und Angestellte müssten - nach einem Blick auf ihren in zwei Wochen fälligen Gehaltszettel schwindlig werdend - nur auf Grassers Firmenkarussel aufspringen, um Steuern zu optimieren, und schon könnten die Messer im Sack zugeklappt bleiben. Ist eh besser, denn Skandale sind auch aus früheren Jahren und anderen Regierungskonstellationen der 2. Republik bekannt. Deshalb wissen wir auch, dass moralische Appelle gar nichts nützen. Friedliche Mitbürger, denen Brandstätter eben noch sein Verständnis dafür ausdrückte, wenn ihnen das Messer im Sack aufgeht, werden ob dieser Wende in die Resignation enttäuscht sein, besonders, wenn sie in zwei Wochen wieder ihre Gehaltszettel bekommen.

Als Verfasser von Leserbriefen an die "Krone" haben es schon manche zu ephemerer Berühmtheit gebracht. Auch wer es bei der "Presse" zu solchem Tatenruhm bringen will, vermag dies nur mit Hilfe des Kleinformats. Der Leserbrief einer Frau Maria Bachler vom 28. Jänner, in dem sie als Mutter, Ehefrau und Schwester betroffener Männer die Sinnhaftigkeit des Präsenzdienstes infrage stellte, wäre wohl untergegangen, hätte nicht Michael Jeannée ihn als willkommenes Beispiel dafür aufgegriffen, dass sich auch nach der "untergegangenen, großen Ära eines Otto Schulmeister und Thomas Chorherr" hin und wieder noch "feine Beiträge" in der "Presse" fänden, freilich eher nur auf der Leserbriefseite.

Lob von Jeannée - da gab es für die Schreiberin kein Halten mehr. Freitag sollte "Die Presse" ihre Triumph teilen. Frau freut sich und sollte sich noch mehr freuen! Tags darauf wird ihr von vielen Leuten auf die Schulter geklopft. Dann Freudentrübung: Hätte man ihren Brief, wäre er gegenteiliger Meinung gewesen, auch zitiert? Wohl kaum. Schlimmer - Frau fühlt sich gefrotzelt, wenn die Qualität ihrer Zeilen über jene von Schulmeister und Chorherr gestellt wird, denn das ist zu viel der Ehre. Statt dem untrüglichen Stilgefühl Jeannées zu vertrauen, glaubt sie zu wissen, dass sie mit übertriebenem Lob instrumentalisiert wurde. Obwohl sie weiß, dass ihr Brief gut war.

Und jetzt ist Frau gespannt, ob das veröffentlicht wird und ob sie auch diesmal zitiert wird. Frau ließe sich gerne überraschen, vor allem würde ihr noch vieles in der Feder liegen. Da schlummert ein Schulmeister und Chorherr adäquates Talent. Das Genie der Komparatistik in der "Krone" hat noch nicht reagiert. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 15.2.2011)

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