China wird Wirtschafts­macht Nummer zwei

14. Februar 2011, 18:03
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Japan fällt wegen Wirtschaftseinbruchs zurück - Tokio hofft auf Exportschub

Wien - Ob die kommunistische Führung in Peking deswegen gleich die Sektkorken knallen ließ, ist nicht bekannt. Das Ende einer Ära gab es aus chinesischer Sicht am Montag freilich zu feiern.

China hat Japan als zweitgrößte Wirtschaftsnation der Erde verdrängt. Die japanische Regierung hat in Tokio zu Wochenbeginn ihre endgültigen Zahlen für das Wirtschaftswachstum im abgelaufenen Jahr präsentiert. Japans Wirtschaft schrumpfte demnach im letzten Quartal 2010 um 1,1 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2009. China vermeldete zeitgleich ein Wachstum von fast zehn Prozent.

Kurz nachgerechnet bedeutet dies, dass Japans Bruttonationalprodukt 2010 bei "nur" 5,47 Billionen Dollar lag (4,07 Billionen Euro), während Chinas Wirtschaftsleistung bereits 5,88 Billionen Dollar betrug. Japan war seit 1967 (damals übertrumpfte Nippon Westdeutschland) die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt.

Seit dem Platzen einer Immobilien- und Finanzblase 1990 tritt Japan allerdings wirtschaftlich auf der Stelle. Mit Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 kehrte auch die Deflation der 90er-Jahre zurück. Seit rund 22 Monaten sind die Verbraucherpreise in der Kernrate (also ohne Obst, Gemüse sowie Meeresfrüchte) in Japan nicht mehr gestiegen. Das mag zwar wegen der stabilen Preise angenehm für viele Konsumenten sein. Doch der Industrie macht das schwer zu schaffen, weil Investitionen wegen der Aussicht auf fallende Preise stetig aufgeschoben werden.

Die Ökonomen in Tokio hatten deswegen sogar mit einem stärkeren Rückgang der japanischen Wirtschaftsleistung gerechnet. Einzige gute Nachricht für Nippon ist, dass die Exportindustrie nach der Krise wieder stark zulegen konnte. Japan steigerte seine Ausfuhren 2010 um 25 Prozent. Tatsächlich profitiert das Land dabei massiv vom Wachstum in China. Seit 2009 ist der größter Käufer japanischer Produkte nicht mehr die USA, sondern China.

Zudem spiegeln die Zahlen über die Wirtschaftsleistung nur einen kleinen Teil der Realität wider. Denn beim Wohlstandsgefälle sind die Gräben zwischen den beiden Staaten immer noch gigantisch. Das japanische Pro-Kopf-Einkommen (unter Berücksichtigung der Kaufkraftparitäten) ist fast fünfmal höher als jenes in China. Laut Weltbank müssen in China etwas mehr als 100 Millionen Menschen von weniger als zwei Dollar am Tag leben.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass trotz der statistischen Wachablöse Japan in allen wichtigen wirtschaftspolitischen Foren (Währungsfonds, Weltbank) weiter die unangefochtene Nummer zwei hinter den USA bleibt. Das liegt auch an Chinas Status als Entwicklungsland. Die Volksrepublik ist beispielsweise nach wie vor hinter Indonesien der zweitgrößte Kreditnehmer der Asiatischen Entwicklungsbank. (szi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.2.2011)

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