Schwarzfahren für alle in Griechenland

14. Februar 2011, 17:45
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In Griechenland organisiert sich eine Bewegung der Nichtzahler: Verklebte Ticketautomaten und umgewalzte Mautstellen sind die Folge

Die Regierung reagiert mit schärferen Gesetzen.

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Athen - Der Held kommt aus einer Kleinstadt und spielte schon in TV-Serien. Seit sich Apostolos Gletsos, Bürgermeister von Stylida, aber in eine Schubraupe setzte und den Autofahrern seiner Stadt mit Gewalt einen Weg neben der ungeliebten Mautstelle bahnte, hat Griechenlands Bewegung der Nichtzahler einen Namen. Gletsos muss im April vor Gericht, doch die Zahl organisierter Schwarzfahr-Aktionen wächst nun täglich.

Kommandos verpicken Ticketentwerter in der Athener U-Bahn, bisher unbescholtene Bürger reißen Schlagbäume an den Zahlstellen der privaten Autobahnen nieder. Ihr schlichter Slogan: "Wir bezahlen nicht für die Krise."

340 Entwerter kaputtgemacht

Tausende sind allein diesen Sonntag umsonst auf der Autobahn von Athen nach Lamia gefahren, der Hauptstrecke in den Norden des Landes, an der auch Stylida liegt. In der Hauptstadt blockierten Mitglieder der Nichtzahler-Bewegung zuletzt in acht U-Bahnstationen gleichzeitig die Automaten und ermunterten Fahrgäste, die Schranken ohne Ticket zu passieren. Die Mehrheit zögerte nicht lange. 340 Entwerter sollen bereits durch Klebstoff kaputtgemacht worden sein.

Griechenlands Verkehrsminister Dimitris Repas nennt sie "Schnorrer" und "Asoziale". Im Parlament legte er vor wenigen Tagen ein Gesetz gegen die Nichtzahler vor. Autolenker sollen künftig 200 Euro Strafe zahlen, ihr Nummernschild bis zu 20 Tage eingezogen werden. Auf Schwarzfahren in Öffis droht Haft. "Griechenland wird kein gesetzloses Land werden", verspricht Repas. "Wir, die Schnorrer, antworten auf die Zuhälter der Macht durch unsere massenhafte Teilnahme an der ,Ich zahle nicht'-Bewegung", sagte Vassilis Sarantopoulos, Mitorganisator der Ticketverweigerer, griechischen Medien.

Arbeitslosigkeit bald bei 14 Prozent

Die Regierung des sozialistischen Premierministers Giorgios Papandreou ist angesichts des zivilen Ungehorsams gespalten. "Gesetze müssen eingehalten werden", sagte Justizminister Haris Kastanidis, "aber es muss auch ein Gleichgewicht geben zwischen der strikten Umsetzung eines Gerichtsurteils und der sozialen Realität." Denn Krise und Sparpolitik verlangen den Griechen viel ab.

Die Arbeitslosigkeit geht auf 14 Prozent zu, 320.000 Jobs könnten in den nächsten Monaten durch Firmenschließungen und Personalkürzungen verschwinden, besagt eine Studie des Verbands kleiner und mittlerer Unternehmen. Saftige Erhöhungen der Autobahngebühren und bei den Öffis empfinden viele Griechen deshalb als Zumutung.

Protestkundgebung am 1. März

In Athen kostet ein U-Bahn-Ticket seit 1. Februar 1,40 Euro statt bisher einen Euro. Damit soll ein Defizit von 22 Millionen Euro abgetragen werden, das durch nachlässiges Management und parteipolitisch motivierte, massive Neueinstellungen unmittelbar vor den Parlamentswahlen 2009 entstanden ist. Dass sie diese Rechnung begleichen sollen, sehen die Ticketverweigerer nicht ein.

Christos Papoutsis, Minister für Bürgerschutz, ist fassungslos: "Was meinen sie mit ,Ich werde nicht zahlen', von Autobahngebühren bis hin zu den Steuern? Was ist ihr Ziel? Das Scheitern der Regierung und des Volks? Die Sackgasse? Konflikt und Gewalt?" Auf jeden Fall das Weitermachen. Für 1. März rufen die Nichtzahler in Athen zur Protestkundgebung. (Markus Bernath, DER STANDARD-Printausgabe, 15.2.2011)

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