"Es war bei mir wie bei Indiana Jones"

14. Februar 2011, 17:02
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Angelika Kirchschlager singt die Titelpartie in Benjamin Brittens Oper "The Rape of Lucretia" im Theater an der Wien

Premiere ist am Donnerstag. Insgesamt tritt die Sängerin nun kürzer.

Wien - Die Opernoberliga ist des Sängers Sehnsuchtsort und innerster Höllenkreis zugleich. Künstlerische Höchstleistungen müssen unter extremer Anspannung und unter der kritischen Kenntnisnahme tausender Augen und Ohren auf die Hundertstelsekunde genau abgerufen werden, ohne Netz und doppelten Boden, und ein paar Tage später oft gleich wieder, auf einem anderen Kontinent, in einem anderen Klima, einer anderen Zeitzone.

Angelika Kirchschlager, die Salzburger Mezzosopranistin, war fast zwei Jahrzehnte bei diesem De-luxe-"Zirkus" mit dabei, gastierte an der Met, an der Scala oder bei den Salzburger Festspielen - bis sie vor einiger Zeit hart auf die Bremsen gestiegen ist. Warum das? "Es war die einzige Möglichkeit. Mein Leben bis dahin war wie eine Fahrt auf der fünften Überholspur. Dann der Druck, die Feindschaften, die bösen Gerüchte. Irgendwann geht das immer mehr auf die Nerven, auf die Kondition."

Und so hat sich Kirchschlager hingesetzt, ihre Karriere neu überdacht und zusammen mit einem neuen Management ein gemächlicheres Tempo gewählt und eine andere Richtung eingeschlagen: mehr Konzerte mit Orchester, mehr Liederabende, weniger Oper (kein Strauss und kein Mozart mehr!), dafür mehr Werke des Randrepertoires. "Es war wie bei Indiana Jones. Er steht an einer Klippe und glaubt, er kommt nicht weiter, dabei muss er nur die Perspektive ein bisschen verschieben, und er sieht plötzlich eine Brücke, wo es weitergeht." Ein Risiko? "Natürlich. Es hätte ja auch sein können, dass mich niemand mehr engagiert. Aber es sind genau die Türen aufgegangen, auf die ich gehofft habe."

Tiger im Wald der Träume

Zum Beispiel jene des Theaters an der Wien. Roland Geyer, den Intendanten des Opernhauses, kennt Kirchschlager seit der Studienzeit. Auf seine Nachfrage hat sie ihm Benjamin Brittens The Rape of Lucretia vorgeschlagen.

Vor drei Jahren hat sie die Lucretia schon einmal gesungen, konzertant, ebenfalls mit dem Klangforum Wien und dem jungen Rattle-Adepten Robin Ticciati, und Gefallen an dem Werk gefunden. Britten hat das Werk für ein zwölfköpfiges Kammerorchester (plus dirigierenden Korrepetitor) geschrieben. Eine angenehme, weil leichtgewichtige Klangumgebung? "Ja. Aber es sind so viele verschiedene Farben, die von diesem relativ kleinen Orchester kommen! Und die Akustik und auch die Nähe zum Publikum im Theater an der Wien tun ihr Übriges dazu, dass das Ganze irrsinnig dicht wird!"

Sie schwärmt in dieser quirligen, ansteckenden Angelika-Kirchschlager-Gutgelauntheit gleich weiter von der Qualität des Librettos und der Vielschichtigkeit der zwei Zentralfiguren: "Beide, Lucretia und Tarquinius, haben widersprüchliche Gefühle. Tarquinius sehnt sich ja nach so einer Geborgenheit, wie sie Lucretia lebt. Er vergöttert sie eigentlich! Die Vergewaltigungsszene ist ja zuerst einmal eine Liebesszene, eine Verführungsszene. Lucretia ist einerseits eine brave Hausfrau, andererseits aber auch eine Frau mit großem Verlangen: Sie spricht von Tarquinius einmal als 'tiger in the forest of my dreams'!"

Österreich-Tournee

Als Tarquinius ist Nathan Gunn besetzt, eine Art Matthew McConaughey der Opernwelt. Eine gute Wahl von Geyer? "Na ja, wenn man jemanden hat, der gut ausschaut", meint Kirchschlager, "dann kann man das doch auch einsetzen ..."

Was kommt nach Britten? "Konzerte mit Orchestern in Hongkong, in Frankreich; an der Staatsoper mache ich Mahagonny." 2012 wird sie mit einem speziellen Programm durch Österreichs Gemeinden touren: mit klassischen Liedern, die zu Volksliedern wurden. "Ich möchte zeigen, dass man nicht 200 Kilometer fahren, 60 Euro zahlen und Musik studiert haben muss, damit diese Lieder einem etwas sagen. "

Weiter geht es für die 45-Jährige auch in Richtung Lehrtätigkeit: Nach einer Gastprofessur in Salzburg unterrichtet Angelika Kirchschlager nun für zwei Jahre an der Kunst-Uni Graz. Ein ausbaubares Tätigkeitsfeld? "Ja. Irgendwann, in zehn Jahren vielleicht, könnte ich mir auch vorstellen, eine fixe Professur anzunehmen, in Wien."

Das Karriereresümee? "Wenn ich zurückschaue auf die letzten 20 Jahre, auf diesen ganzen unglaublichen Zirkus, der sich da abgespielt hat, dann bin ich schon sehr zufrieden mit dem, was ich geleistet habe - manchmal sogar stolz. Aber manchmal frage ich mich auch einfach nur, wie ich das alles geschafft habe!" (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 15. Februar 2011)

  • Angelika Kirchschlager hat nach 20 Jahren Topkarriere einen 
Perspektivwechsel vorgenommen - und das Tempo gedrosselt. "Es sind die 
Türen aufgegangen, auf die ich gehofft habe."
    foto: georg hochmuth

    Angelika Kirchschlager hat nach 20 Jahren Topkarriere einen Perspektivwechsel vorgenommen - und das Tempo gedrosselt. "Es sind die Türen aufgegangen, auf die ich gehofft habe."

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