Biss und Blut des Ungeheuers

16. Februar 2011, 09:19
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"Schaurig schön": Das Kunsthistorische Museum heftet sich quer durch alle Sammlungen auf die Fährte monströser Tiergestalten

 Eine konzentrierte und unterhaltsame Reise.

Wien - Das Bad im Drachenblut macht Siegfried unverwundbar, und als ihm des Drachen Fafnir Adersaft auf die Zunge kommt, versteht er plötzlich die Sprache der Vögel. Die Magie des Drachenbluts durchzieht Sagen und Märchen. Unsterblich wird man durch den Genuss oder ebenso mutig wie das feuerspeiende Tier.

Kein Wunder also, dass Fürsten und Kaiser sich mit Drachengetier besetzte, mit Geschmeide und Gold kunstvoll verzierte Trinkhörner gestalten ließen (so etwa das von einem Meeressatyr berittene Stück von Cornelis Gross, um 1560/70): So konnte man in katholischen Zeiten den wunderbringenden heidnischen Aberglauben zumindest in Form prunkvollen Gehabes weiterführen.

Dieses für den täglichen Gebrauch unpraktische Trinkutensil nannte man in Anlehnung an das Mittelalter auch "Greifenklaue". In jenen Zeiten fertigte man die Gefäße aus Büffelhörnern, weil man in ihnen die Krallen des sagenhaften Vogel Greifs zu erkennen glaubte und hoffte, über dieses Wunschreliquiar Anteil an all dem Wunderbaren zu haben, mit dem sich das Fabeltier seit dem alten Ägypten verknüpft.

Dämonen und Fabelwesen

Und so zeigt die Ausstellung Schaurig schön. Ungeheuerliches in der Kunst im Kunsthistorischen Museum auch zwei Trinkhörner, die die geflügelte Gestalt des stärksten Mischwesens der Antike - halb Löwe, halb Raubvogel - zitieren: ein griechisches aus Ton (um 400 v. Chr.) und tatsächlich auch ein aufwändig gefasstes Büffelhorn (15. Jhdt.).

Die von einem zehnköpfigen Team kuratierte Schau widmet sich den Mischwesen, Dämonen und anderen Fabelwesen, die bisweilen über Jahrtausende hinweg in Kunstgegenstände und Malereien Eingang fanden und sich zeitgenössisch zumeist in Fantasy-Romanen und Bestsellern wie Herr der Ringe und Harry Potter wiederfinden. Die Drachen, schon allein wegen der zahlreichen Heiligen, die sich mit der Symbolgestalt des Bösen anlegten, bilden eine große Gruppe, obgleich sie oft eher putzig denn schauerlich anzuschauen sind: so etwa jenes Vieh mit den korallenartigen Ohren, mit dem Perseus ringt. Die Gemäldegalerie konnte hier vieles, etwa einen wunderschönen Erzengel Michael von einem Meister des 16. Jahrhunderts beisteuern.

Von der Sphinx über Satyr bis zum Phönix (besonders hier ein Elfenbeinobjekt) reichen die Kapitel, für die man Schätze aus der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung, der Kunstkammer, der Antikensammlung, der Hofjagd- und Rüstkammer, der Sammlung alter Musikinstrumente, der Gemäldegalerie, dem Münzkabinett und der Bibliothek zusammentrug.

Eine Vielfalt von Objekten, die man in ein visuell ansprechendes Präsentationskonzept spannte: durch den Drachenschlund aus Raffaels Hl. Margarethe - die anders als ihre männlichen Drachentöterkollegen das Monstrum allein durch ihren Glauben bezwang - taucht man ein in mystisches Labyrinth aus Vitrinen; schwarze Embleme machen die Übersicht aber leicht.

Gelungen auch die infernalische Farbgestaltung der Wände, die von einem rußschwarzen Ton in ein höllenfeuerrot illuminiertes Glühen züngeln. Über allem schwebt ein Sternbildbaldachin (Andreas Cellarius' Originalstich ist in der Nationalbibliothek), der zeigt, wo viele Fabelwesen verewigt sind: am Firmament. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 15. Februar 2011)

Bis 1. 5.

  • Brutale Kralle: "Der Drache tötet die Gefährten des Kadmos". Das Adriaen van der Werff zugeschriebene Bild (2. Hälfte 17. Jh.), geht auf eine Komposition von Cornelis van Haarlem (1588) zurück. Die Abweichungen (u.a. spiegelverkehrt) sprechen aber dafür, dass es nach dem von Hendrick Goltzius 1588 gefertigten Kupferstichs des Originals entstanden ist.
    foto: kunsthistorisches museum wien

    Brutale Kralle: "Der Drache tötet die Gefährten des Kadmos". Das Adriaen van der Werff zugeschriebene Bild (2. Hälfte 17. Jh.), geht auf eine Komposition von Cornelis van Haarlem (1588) zurück. Die Abweichungen (u.a. spiegelverkehrt) sprechen aber dafür, dass es nach dem von Hendrick Goltzius 1588 gefertigten Kupferstichs des Originals entstanden ist.

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