Ferne Zukunft, verborgene Gegenwart

14. Februar 2011, 17:06
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Genre ohne Grenzen: Das Österreichische Filmmuseum widmet sich der Science-Fiction

Wien - Science-Fiction-Filme sind, der Vergleich liegt nahe, wie der Weltraum. Es gibt die majestätischen Zentralgestirne, die alles um sie herum hell erleuchten und verbrennen, was ihnen zu nahe kommt. Dann gibt es die Masse der größeren und kleineren Planeten, die in Abstand Kreise ziehen. Und es gibt den Sternenstaub, Splitter zerborstener Planeten, die ihre eigenen Wege ziehen. Die Retrospektive Science: Fiction. Eine Geschichte der Zukunft im Filmmuseum bietet von allem etwas: Zeitlose Klassiker (2001: A Space Odyssey, Tarkowskis Solaris), handfeste Unterhaltung (RoboCop, Strange Days) und kosmische Querschläger (Sins of the Fleshapoids von Mike Kuchar, Der große Verhau von Alexander Kluge).

In 50 kurzen und langen Filmen aus den Jahren 1946 bis 2008 zeichnet die Reihe die Geschichte des modernen Science-Fiction-Kinos nach, in seinen internationalen Varianten und seinen Ausprägungen von Parodie bis Epos, von Mainstream bis Subversion, von Oper bis Punkrock. Gar nicht so nebenbei erzählt die Retrospektive eine Geschichte der Technikängste der letzten Dekaden: In Otakar Vávras Krakatit, dem frühesten Spielfilm der Reihe, erfindet ein tschechischer Chemiker unabsichtlich einen Sprengstoff, dessen Zerstörungswirkung an die Atombombe heranreicht.

In Miike Takashis Kamisama no pazuru / God's Puzzle von 2008 ist es letztendlich wieder der Zufall, der dazu führt, dass Wissenschafter einen Teilchenbeschleuniger konstruieren, der einen neuen Urknall auslösen kann. Dass Technik ihren eigenen Regeln folgt, unkontrollierbar bleibt und gegen ihre Schöpfer zurückschlagen kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Filme des Genres.

So handelt Science-Fiction immer auch davon, dass Menschen zu viel wollen: zu weit reisen, zu viele Begegnungen machen, zu mächtige Maschinen bauen. Die Astronauten in Kubricks 2001 waren auf Erkundungsfahrt, aber was sie "jenseits des Jupiters" erwartet, hätten sie nicht zu träumen gewagt. Die Menschen senden Signale zu fernen Planeten, aber taucht eines Tages tatsächlich einmal ein Außerirdischer auf, empfangen sie ihn mit Waffen und Raketen (The Day the Earth Stood Still, Starman).

Die Mühsal Mensch

Sie erfinden intelligente Maschinen, die ihnen alle Arbeit abnehmen sollen, bis die Maschinen beschließen, dass die eigentliche Mühsal, die abgeschafft gehört, der Mensch selbst ist (The Terminator, The Terminal Man). Und wer vom besseren Leben träumt, findet sich oft genug mit einer dystopischen, feindlichen, totalitären Gesellschaft wieder (Fahrenheit 451, Starship Troopers). In Electronic Labyrinth: THX 1138-4EB entflieht ein Mann einer unterirdischen, hochtechnisierten Gesellschaft, ständig begleitet von Überwachungskameras. Der Erfolg des Kurzfilms hat 1967 einen bislang unbekannten Filmstudenten kurzerhand in die Berühmtheit katapultiert: George Lucas. In seinen 15 Minuten ist THX 1138 dabei so kompakt, spannend und visuell delirierend, dass alle späteren Filme von Lucas sich daran hätten ein Beispiel nehmen müssen.

Das Science-Fiction-Kino zeigt uns Konstellationen des Möglichen. Es erzählt voller Hoffnung davon, dass unsere Welt auch eine ganz andere sein könnte, in einer fernen Zukunft. Und es warnt uns davor, dass diese andere Welt längst unsere verborgene Gegenwart geworden sein könnte (They Live). Das macht Science-Fiction zu einem Genre ohne Eigenschaften, das seine Grenzen nur im Einfallsreichtum hat. Dass man weder ein millionenschweres Budget noch ausgefeilte Special Effects braucht, um die Zukunft auf die Leinwand zu bringen, hat Godard mit Alphaville ebenso bewiesen wie Camp-Filmer Mario Bava in Terrore nello spazio (Planet der Vampire), der uns mit Nebelmaschinen und Pappmaché-Felsbrocken auf ferne Planeten entführt.

Wo alles möglich ist, sind 50 Filme immer zu wenig. Dass wichtige Beispiele fehlen und manche Auswahl überrascht, kann angesichts des Reichtums des Genres nicht verwundern. Mehr als durch jede thematische Einheit wird die Retrospektive durch den fröhlichem Eklektizismus und die Cinephilie der beiden Kuratoren Christoph Huber und Olaf Möller zusammengehalten. Und wem über das Sehen das Hören nicht vergangen ist, dem bietet die Retrospektive zwei Vorträge an, in denen sich die Kuratoren über sowjetische Science-Fiction (4. 3.) bzw. Peenemünde, Pynchon und Paranoia diskutieren (25. 2.). (Dietmar Kammerer, DER STANDARD - Printausgabe, 15. Februar 2011)

  • Computerexperte mit Kopfschmerzen (George Segal) stellt sich neuem 
Heilverfahren: "The Terminal Man" nach Michael Crichton lotete 1974 
medizinische Zukunftsszenarien aus.
    foto: österreichisches filmmuseum

    Computerexperte mit Kopfschmerzen (George Segal) stellt sich neuem Heilverfahren: "The Terminal Man" nach Michael Crichton lotete 1974 medizinische Zukunftsszenarien aus.

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