Geisterfahrten und ein tropisches Rätsel

14. Februar 2011, 16:59
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In den Berlinale-Kinos braucht man neuerdings eine Brille: Wim Wenders und Werner Herzog präsentierten 3-D-Dokumentarfilme

Ulrich Köhlers "Schlafkrankheit" ist ein im Wettbewerb seltenes Glanzlicht.

Die elegantesten Menschen findet man nicht in Berlin, sondern in Wuppertal: Herren im schmalen Nadelstreif und Damen in maßgeschneiderten Seidenkleidern, allesamt Geschöpfe der großen Choreografin und Prinzipalin Pina Bausch. Im "Café Müller", im "Kontakthof" oder bei "Vollmond" bewegen sie sich auf eindringliche Weise durch existenzielle Kämpfe und Erfahrungen. Dichtes, zart humorvolles Körpertheater ist das, und nun lebt es auch in einem Film weiter, der schlicht den Vornamen der 2009 Verstorbenen als Titel hat.

Der deutsche Filmemacher Wim Wenders hat Pina inszeniert. Er hat sich für eine Darstellungsform entschieden, die im Kino gerade Hochkonjunktur hat. Deshalb hat man einen bestechenden Moment lang den Eindruck, einen wehenden Gazevorhang berühren zu können. In weiterer Folge stellt sich allerdings zunehmend Skepsis ein. Die Aufeinanderfolge der Ausschnitte aus den erwähnten Klassikern erscheint beliebig. Die Montage wirkt etwa im Fall der Verwebung der drei Altersgruppen, die jeweils dieselbe Szene aus "Kontakthof" tanzen, unsensibel gegenüber der Darbietung, die Szene harsch zerstückelt. Anderes könnte aus einem Imagefilm für die Region stammen: Menschliche Wuppertaler Sehenswürdigkeiten tanzen an öffentlichen Plätzen. Der 3-D-Effekt degradiert sie letztlich zu Spielfiguren in einem künstlichen Raum.

Steinzeit zeitgemäß erleben

Im Unterschied dazu hat sein Regiekollege Werner Herzog für seine 3-D-Premiere ein Sujet gewählt, das der Technologie besser entgegenkommt: Schauplatz von The Cave of Forgotten Dreams ist eine 1994 entdeckte weitläufige Felshöhle in Südfrankreich, deren gewölbte Wände die ältesten bekannten Malereien zieren. Den Weg zu diesem Steinzeitkino gestaltet Herzog gleich einmal als richtigen "phantom ride". Bebende Handkameraaufnahmen und Fahrten in 3-D (Kamera: Peter Zeitlinger) affizieren physisch. Während man bei den tänzerischen Darbietungen in Pina immer fixiertes Publikum bleibt (der Kinosaal wird als Verlängerung des Theatersaales inszeniert), fühlt man sich hier tatsächlich hineingezogen, und die Bildüberlagerungen, die heute den 3-D-Effekt ergeben, finden sich schon in Abbildungen von Bisons mit acht Beinen angelegt.

Einmal weist ein Wissenschafter darauf hin, dass die Grenzen zwischen Tier und Mensch seinerzeit als fließend empfunden wurden. Das Thema taucht auch in Ulrich Köhlers Wettbewerbsfilm Schlafkrankheit auf: Ebbo (Pierre Bokema) ist die zentrale Figur in diesem spröden Drama: ein deutscher Arzt, der in Kamerun ein Forschungsprojekt aufgebaut und geleitet hat. Jetzt steht er kurz vor der Übergabe an einen Nachfolger, Frau und Tochter reisen voraus, zurück nach Deutschland. Aber Ebbo hat auf dem anderen Kontinent Wurzeln geschlagen, die er nicht abtrennen kann.

Afrika als Identitätsspiel

Der Film hat schon vorher begonnen, die verstrickten Identitäten auszubreiten, die die Geschichte der Kolonialisierung und jene der Migration hervorgebracht haben. Im zweiten Abschnitt werden die Fragen nach Zugehörigkeit und Zuschreibungen rund um einen Neuankömmling aus Frankreich noch weiter aufgefächert.

Köhlers Film unterhält in diesem Punkt eine Verwandtschaft zu den Filmen der Französin Claire Denis - besonders Chocolat und White Material. Die andere Referenz sind Apichatpong Weerasethakuls Urwaldszenerien. Schlafkrankheit ist aber in einer eigenen Sprache erzählt: Die Bildräume sind großflächig und weit, es herrscht ein kühler Abstand zu den Figuren, der Affengott mit den roten Glutaugen erscheint hier in einer ganz weltlichen Inkarnation, am Ende gibt es dann doch eine unglaubliche Wendung ins Metaphysische, die mithilfe eines Nilpferds vollzogen wird. Es bleibt ein unauflöslicher Rest, und eigentlich möchte man den Film gleich noch einmal sehen.

Familie mit Widersprüchen

Brüchige Identitäten bestimmen auch Marie Kreutzers Langfilmdebüt Die Vaterlosen, das in der Sektion Panorama Weltpremiere hatte. Die Grazer Filmemacherin erzählt darin von den erwachsenen Kindern österreichischer Kommunarden. Niki, Vito, Kyra und Mizzi haben denselben Vater, nach dem Tod von Hans lernen sie einander (wieder) kennen. Die Handlung, angesiedelt in einem großen, halb verfallenen Gutshof, ist auf wenige Tage komprimiert, erstreckt sich aber zurück in die Vergangenheit, in die Kindheit.

Kreutzer beleuchtet ein Milieu, das im heimischen Spielfilm bislang kein Thema war. Im Verbund mit dem Ensemble - Philipp Hochmair, Andrea Wenzl, Andreas Kiendl, Emily Cox, Johannes Krisch, Marion Mitterhammer u. a. - entfaltet sich eine Familiengeschichte voller Widersprüche. Ein bisschen schade ist nur, dass im Unterschied zu Kreutzers Kurzfilmen hier am Ende kein Geheimnis bleibt. Die Vaterlosen kommt im April in die heimischen Kinos. Eine 3-D-Brille wird dann zum Glück nicht benötigt. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 15. Februar 2011)

  • Spiegelbilder aus Afrika: Der aus Frankreich kommende schwarze Mediziner
 Alex (Jean-Christophe Folly, rechts) fühlt sich in Ulrich Köhlers 
"Schlafkrankheit" zwischen allen Stühlen.
    foto: berlinale

    Spiegelbilder aus Afrika: Der aus Frankreich kommende schwarze Mediziner Alex (Jean-Christophe Folly, rechts) fühlt sich in Ulrich Köhlers "Schlafkrankheit" zwischen allen Stühlen.

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