Die brutalsten Videospiele aller Zeiten

Bulletstorm bis Manhunt: Von Medien und Politikern aufgebauscht und von Herstellern bewusst zur Provokation genutzt

In Deutschland landen sie auf dem Index, in der Schweiz sollen bald gar keine mehr erscheinen und gewisse Medien machen Sie so wie manche Politiker zum Sündenbock für Amokläufe und Straftaten Jugendlicher: Die Gewaltspieldebatte reißt nicht ab. Für neuen Zündstoff sorgt eine Reihe an morbiden virtuellen Fantasien, die dieser Tage vermarktet werden, aber auch "Klassiker" werden immer wieder aufs neue in Erinnerung gerufen.

Das Spiel mit der Gewalt 

In der aktuellen Berichterstattung machen vor allem Shooter große Schlagzeilen. Epic Softwares für Ende Februar erwartetes "Bulletstorm" erzürnt derzeit Boulevard-Medien mit einem Belohnungssystem für besonders brutale Tötungen. In Zeitlupe darf man seine Feinde durch die Lüfte wirbeln, ihnen Schrotkugeln ins Gesicht jagen und Körperteile abtrennen bis ein neuer Highscore-Rekord gebrochen wurde. FOX News sprach jüngst vom vielleicht "Worst Video Game in the World" und ließ sich in einem Essay ausschweifend darüber aus, wie schlecht derartige Blutorgien doch für "unsere" Kinder seien. Nebenbei: Der Titel erhielt keine Jugendfreigabe.

Herausgeber Electronic Arts feierte die aufgesetzte Panik mit einem künstlerischen Werbespot (s.u.). Bereits Ende Jänner machte man sich die Hysterie um vermeintlich schädigende Games zur Bewerbung des Grusel-Shooters "Dead Space 2" zunutze. In Videoclips zeigte man Mütter von Videospielern, die sich Szenen aus dem schaurigen Alien-Spektakel ansehen und dabei ihre Entrüstung kundgeben.

(Werbespot zu "Bulletstorm": Eine "Halo"-Parodie)

Hitliste der Aufreger

Das PC Mag nahm die angeregte Berichterstattung zum Anlass, eine Hitliste der "brutalsten Videospiele aller Zeiten" zu erstellen. Autor Jeffrey L. Wilson erinnerte im Zuge dessen an Activisions ebenso dumpfe wie effektive Provokation durch den 2009er-Bestseller "Modern Warfare 2". Spieler nahmen darin als verdeckte Ermittler an einem äußerst realistisch dargestellten Terroranschlag in einem russischen Flughafen teil. Mit einem Herz für Historie werden auch Kultschocker wie "Mortal Kombat" (1992) und "Postal" (1997) gereiht. Das Beat'em'up genießt heute noch große Wertschätzung bei den Fans, die ebenso unausprechlichen wie kreativen "Finishing Moves" werden nach wie vor als Maßstab für virtuelle Unappetitlichkeit genommen. Auf den Nachfolger und Hinrichtungen in 3D darf man sich dieses Jahr freuen. "Postal" schockierte zwar mit Amokläufen und Erniedrigungen von Polygon-Zivilisten, driftete durch sein zweifelhaftes Gameplay allerdings genauso wie seine Nachfolger in die Belanglosigkeit ab.

Eines darf nie fehlen

Heftig umstritten ist mit jeden neuem Kapitel genauso Rockstars Geniestreich "Grand Theft Auto". Fraglich ist allerdings, ob sich ein derart vielschichtiges Werk, mit Referenzen auf eine Vielzahl von Lebensbereichen, auf reine Gewaltdarstellungen reduzieren lässt. Den Entwicklern gelang es trotz aller Gewalt bislang immer noch, GTA als Parodie zu inszenieren. Ebenso als Parodie (auf Reality Shows) gedacht, glückte Rockstar dieser Versuch beim oftmals diskutierten "Manhunt" (2003) weniger gut. Das Spiel blieb hauptsächlich aufgrund der Tötungsszenen mit Plastiksack und Baseballschläger in Erinnerung.

Brutalität als Stilmittel setzten die Werke "Mad World" (2009) und "Splatterhouse" (2010) ein. Segas verrückte Version der Welt in Schwarz-Weiß-Blut versuchte sich als Frank Millersche Interpretation von "Man Hunt" und scheiterte Schlussendlich an der monotonen Aufgabenstellung. Selbst Verbotenes kann in der ausgelebten Fantasie ganz schön fade sein.

Gewalt und Moral

Wenn es um gespielte Gewalt geht, treten Inhalte oftmals in den Hintergrund. Dabei sorgten in den vergangenen Jahren insbesondere Werke mit Bezug auf reale Konflikte für Aufregung. Als kommerzieller Erfolg ist hier die Neuauflage "Medal of Honor" (2010) hervorzuheben. Der interaktive Einsatz einer US-Spezialeinheit in Afghanistan stellte aus aktuellen Kriegen bekannte Szenen nach - darunter den Beschuss eines afghanischen Dorfes durch einen Helikopter. Interessanter Weise waren es allerdings nicht diese Szenen, die US-Jugendschützer und Politiker auf die Palme brachten, sondern der Umstand, dass in Mehrspielerbegegnungen 50 Prozent der Teilnehmer sich nun einmal auf die Gegenseite stellen müssen. US-Spieler auf Seiten der Taliban - das geht zu weit. Ein Schmunzeln ließ sich dann unter deutschsprachigen Beobachtern nicht mehr unterdrücken, als die Entwickler die Feinde in "OPFOR" (Opposing Forces) umbenannten.

Ausblick 2011

Wer auf ein baldiges Abklingen der Debatte hofft, muss enttäuscht werden. 2011 bleibt mit jeder Menge Splatter-Anleihen in "Bulletstorm", "Killzone 3" und "Gears of War 3" und der politischen Kontroverse "Homefront" keine digitale Blutbank trocken. (zw)

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