Spektakulärer Ausbruch

13. Februar 2011, 18:29
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Premiere von "Harold and Maude" am Wiener Volkstheater

Wien - Harold Chasen ist ein verschlossener, blasser Mann von 18 Jahren, der gern auf Schrottplätze geht oder Beerdigungen beobachtet und regelmäßig seinen Selbstmord inszeniert. Im Zu-Ende-Gehenden findet Harold Trost. Trost dafür, dass er keinen Vater mehr hat, oder dafür, dass ihn seine Mutter (Susa Meyer) missachtet.

Er ist allein. Und diese Einsamkeit lässt Schauspieler Claudius von Stolzmann mit berückender, stoischer Wucht in Thomas Birkmeirs Knusperhäuschen-Realismus am Wiener Volkstheater fahren. Stolzmanns Darstellung beseitigt sämtliche Bedenken, die als Film von Hal Ashby zum Klassiker gewordene Tragikomödie Harold and Maude (1971) hätte ihre Dringlichkeit längst eingebüßt.

An der kurzweiligen, von allerlei Regie-Gags gesäumten Aufführung haftet der putzige Charme von Produktionen am Theater der Jugend, das Birkmeir seit 2002 leitet. Dazu gehören die dem reinen Gaudium dienende Musikbeschallung während der Umbauphasen (Metallica?) und Theaterdonner. Der Dynamit-Einsatz im Wohnzimmerschrank zählt wohl zu den größten feuerpolizeilichen Herausforderungen, mit denen sich das Volkstheater in jüngster Zeit konfrontiert sah. Die Inszenierung will spektakulär sein, und diese Anstrengung geht auf Kosten der Erzählung, in der zwei isoliert lebende Menschen zueinander finden. Deshalb zählt jener Moment, in dem am allerwenigsten passiert, in dem Harold und Maude am Meer müde in den Walzertakt kippen, zu den aussagekräftigsten.

Friedhof und Beckett

Harold lernt die knapp 80-jährige Maude am Friedhof kennen, sie empfiehlt ihm Beckett, die Sache ist geritzt: Die beiden verstehen einander, so sehr, dass sie - und das ist der Tabubruch von einst - zum Liebespaar werden. Eine Tatsache, die man in Birkmeirs Inszenierung auch symbolisch lesen kann: Elfriede Irrall tänzelt als mädchenhafte Maude im buntscheckigen Kapuzencape über die Bühne - bezaubernd, emsig und Yoga-begabt. Dass sie einer Märchenwelt entsprungen sein muss, ist dem Bühnenbild von Etienne Pluss deutlich abzulesen: Das im Niemandsland platzierte Wohnmobil Maudes gleicht einer bunten Fantasieinsel im Zuckerbäckerstil, samt all dem Plunder eines klischeehaft "alternativen" Lebens. Sie hat mit der Ästhetik und vor allem Realität der stilvollen, den 1960er-Jahren angepassten Chasen-Villa nichts gemein.

Der Rest hängt an der Komik: Vor allem die von der Mutter per Internet (warum das denn?) ausgewählten Heiratskandidatinnen Harolds erzeugen Spaß, wie man ihn so brachial sonst nur in den Kammerspielen erlebt: Annette Isabella Holzmann, Andrea Bröderbauer und Stefanie Reinsperger. Alexander Lhotzkys Psychiater ist ein strenger Tunichtgut, Simon Mantei ein Pater, der auch nicht immer weiß, was richtig ist. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2011)

 

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    Claudius von Stolzmann  und Elfriede Irrall als   'Harold und Maude' 

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