Der Wunderknabe, seine Taktik und sein kolossales Defizit
Karl-Heinz Grasser liebt es drastisch. Lange Zeit bemühte er den Begriff der
"Jagdgesellschaft" gegenüber Journalisten, die Verdachtsmaterial publizierten
und/oder sein moralisches Verhalten kritisierten. Mittlerweile hat er zu
schärferen Formulierungen gegriffen. Man veranstalte gegen ihn einen
"Schauprozess", wiederholt er seit Wochen.
Schauprozesse gehörten im 20. Jahrhundert zu den grausamsten Abrechnungen der
Diktatoren mit Gegnern, Rivalen, Andersdenkenden. Stalins rollende Prozesse in
den 30er-Jahren, die Verfahren an den deutschen Volksgerichtshöfen 1944, die
Aburteilungen in Maos China - einige Beispiele, was da geschah.
Wer jemals Arthur Koestlers Roman "Sonnenfinsternis" (erstmals 1946
erschienen, zuletzt 2001) gelesen hat - über die Anklagen, die Verhöre, die
Geständnisse ehemaliger Revolutionäre zu Verbrechen, die sie niemals begangen
hatten -, muss sich und die Öffentlichkeit fragen, was im Kopf des ehemaligen
Finanzministers und von Wolfgang Schüssel als Nachfolger vorgesehenen
Ex-Politikers vorgeht.
Zwei Möglichkeiten: Er wählt zu seiner Verteidigung gegenüber den Kritikern
ein möglichst drastisches Wort und denkt sich weiter nichts dabei. Oder er weiß
genau um die Bedeutung dieses Begriffs und setzt ihn ein, weil er sich
tatsächlich als ein Verfolgter fühlt. Er gibt ja Verfehlungen immer erst zu,
wenn man sie ihm beweist. Schuld, dieses Wort kennt er nicht.
Am wahrscheinlichsten ist eine Mischung aus beidem. Drastische Vergleiche zu
wählen und mit der Unwissenheit der Medienkonsumenten zu rechnen, ist eine
bekannte Taktik sogenannter Medienberater - von denen Grasser ja nicht wenige
kennt.
In diesen Mix mengt er seine eigene Geschichte als Mitglied von Jörg Haiders
Buberlpartie und als Kärntner Underdog, der es in Wien zu etwas gebracht hat.
Grassers Theorie: Die Wiener Cliquen wollten ihn, den Erfolgreichen und
Beliebten, abschießen, damit er sich politisch nie mehr rührt.
Dazu tritt sein kolossales Defizit an Unrechtsbewusstsein und der allgemeine
Rückgang der politischen Moral. Das "Ego" ist der Gott und der "Markt" ersetzt
die "Gesellschaft". Das Wort "Schauprozess" soll die Gegner zu Autokraten und
verbalen Folterern stempeln, auf dass er, Grasser, im Lichte des Unverstandenen
leuchte.
Der ehemalige politische Wunderknabe hat freilich nie begriffen, dass man mit
dem Boulevard (und mit Teilen von Politik, Wirtschaft und Justiz) nur so lange
spielt, bis die Stimmung wegen Vergehen, Fehlern und Niederlagen umschlägt. Und
sicher auch zu Vorverurteilungen führt.
Jedoch: Grasser steht mit seinem Fehlgriff nicht allein. Der VP-Politiker
Erwin Rasinger, ein Arzt, hat eben die problematische Abhalfterung der
Geschäftsführerin des "Wiener Hilfswerks" durch eine Parteifreundin als
"mittelalterlichen Schauprozess" bezeichnet. Das aber waren, im Dunkel der
Geschichte, vor allem die Verfolgungen von Ketzern und Juden.
Die missbräuchliche Verwendung historisch eindeutiger Begriffe für politische
Zwecke ist auch ein Hinweis auf das nahezu notorisch gestörte Verhältnis
Österreichs zu seiner Geschichte. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2011)