"Karl, wirf die Krücke weg!"

13. Februar 2011, 17:55
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Die Wiener Violetten haben noch Entwicklungspotenzial, Neuzugang Barazite mit Licht und Schatten

Wien - Im Gegensatz zum wackeren Fallschirmspringer, der vor Anpfiff den Mittelkreis doch um einige Meter verfehlte, gelang der Austria am ersten Namenstag der Generali Arena, vormals Horr-Stadion, quasi ein Punktlandung im Frühjahr. Nach dem 1:0 über Spitzenreiter Ried können sich die Wiener getrost mit der erfreulichen Aussicht vertraut machen, bis zuletzt im Titelkampf mitzumischen. Die 24. Meisterschaft würde sich zum 100. Geburtstag, den der Verein in diesem Jahr begeht, jedenfalls gut machen.

Mag sein, Rieds Coach Paul Gludovatz wollte das zum Ausdruck bringen, als er seinem nach einer Hüftoperation noch gehandicapten Kollegen Karl Daxbacher ein munteres "Karl, wirf die Krücke weg!" zurief. Davor hatte der 64-jährige Doyen der österreichischen Trainerschaft die Austria als spielstärkste Mannschaft der Liga gepriesen, was insofern schlau war, als er dadurch auch gleich die Leistung seiner eigenen Mannschaft honorierte. "Den Austrianern hier fast ausschließlich aus Kontern Chancen zu geben ist in Ordnung."

Die Oberösterreicher waren einer nur phasenweise überdurchschnittlichen Austria tatsächlich zumindest ebenbürtig. Dass dem Gegentreffer durch Verteidiger Georg Margreitter, dem ersten Tor des 22-jährigen Vorarlbergers für die Austria, ein Foulspiel von Teamspieler Julian Baumgartlinger am Rieder Markus Hammerer vorangegangen war, trübte das Einverständnis zwischen Gludovatz und Daxbacher nicht. Die Herren schätzen einander sehr, wenn auch Gludovatz mit dem Kollegen Peter Pacult von Rapid noch besser kann.

Beste Aussichten

Abgesehen von sich selbst würde er beiden den Titel gönnen. Wie die Dinge nun einmal stehen, hat die Austria aber die deutlich besseren Chancen. Am Samstag, nach dem Heimspiel gegen Wiener Neustadt, könnte sie bei entsprechenden Ergebnissen der Konkurrenz sogar erstmals in dieser Saison und als insgesamt vierte Mannschaft an der Spitze stehen.

Entwicklungspotenzial ist vorhanden. Zum einen hat die Austria, die beste Auswärtsmannschaft der Liga, im Herbst zu Hause elf Punkte vertändelt. Zum anderen hat sie sich trotz des Verkaufs von Aleksandar Dragovic in der Winterpause verstärkt.

Der Niederländer Nacer Barazite zeigte gegen Ried, warum ihn Arsenal als 17-Jährigen holte. Inzwischen 20 Jahre alt, zeigte er beim seinem Debüt aber auch, warum ihn die Londoner, ehe sie das Kaufbegehren der Austria erhörten, erst an Derby County und dann an Vitesse Arnheim verliehen hatten. Ein Torjäger war Barazite bisher noch nicht. Gegen Ried vergab er gute Gelegenheiten, die er sich durch Behändigkeit, Spielverständnis und solide Technik aber zum Teil auch selbst schuf. "Er wird von Spiel zu Spiel stärker", glaubt Daxbacher.

Darauf hoffen muss er bei Roland Linz, der gegen Ried eine Hälfte lang noch viel danebener als der Falschirmspringer wirkte. "Er ist in der Vorbereitung nie richtig in die Gänge gekommen. Wir werden versuchen, ihm Fitness und Selbstvertrauen wieder zu geben", sagte Daxbacher über seinen mit neun Treffern bisher besten Saisonschützen. Viel Zeit zum Wiederaufbau bleibt nicht. (Sigi Lützow - DER STANDARD PRINTAUSGABE 14.2. 2011)

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