Sicherheitskräfte verhindern Marsch in Algier

Reiner Wandler
14. Februar 2011, 09:49

Das algerische Regime ließ es gar nicht darauf ankommen: In Algier wurde das Zentrum abgeriegelt, bis zu 15.000 Demonstranten drangen dennoch in dieses vor und verlangten den Rücktritt Präsident Bouteflikas

Die erste Runde geht an das Regime von Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika. Ein starkes Polizeiaufgebot verhinderte am Samstag eine Demonstration in der Hauptstadt Algiers für die Aufhebung des seit 19 Jahren gültigen Ausnahmezustandes und demokratische Reformen. Mobilisiert hatte die Nationale Koordination für den Wandel und die Demokratie (CNCD), ein Bündnis aus unabhängigen Gewerkschaften, Oppositionsparteien, Menschenrechts- und Jugendorganisationen sowie Intellektuellen.

Bereits in der Nacht auf Samstag war es in Algier zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Oppositionellen und der Polizei gekommen, als sich spontan mehrere hundert Menschen im Stadtzentrum trafen, um die Revolution in Ägypten zu feiern. "Nach Mubarak jetzt Bouteflika", riefen sie. Am Morgen glich Algier einen Heerlager. Bis zu 30.000 Polizisten hatten das Zentrum besetzt und die Zufahrtsstraßen so wie die Bahn abgeriegelt. Auf der geplanten vier Kilometer langen Demonstrationsroute vom Platz des 1. Mai zum Platz der Märtyrer standen überall Sondereinsatzkommandos.

Mehrere hundert mutmaßliche Demonstranten wurden festgenommen, unter ihnen auch der 90-jährige Ehrenvorsitzende der algerischen Menschenrechtsliga, Ali Yahia Abdenour. Dennoch wuchs die Menge auf 10. 000 bis 15.000 Menschen an. Namhafte Künstler aus der Rapszene wurden mit Applaus begrüßt. Nicht so die Nummer zwei der verbotenen Islamischen Heilsfront (FIS), Ali Belhadj. "Bärtige raus!", schallte es ihm entgegen.

Die Menge skandierte die bekannte Parole "Das Volk wird das Regime zum Einsturz bringen" sowie "One: Tunisie! Two: Egypte! Three: Vive l'Algérie!". Ein Ausbruch von etwa 2000 Protestierenden aus dem Kessel war von kurzer Dauer. Die Veranstalter erklärten den Marsch für beendet, als eine Gruppe von Provokateuren auftauchten, "die wie in Ägypten vor wenigen Tagen aggressiv den Präsidenten verteidigten", wie der Vorsitzende der Menschenrechtsliga, Mustafa Bouchachi, am Telefon berichtete: "Wir werden es solange versuchen, bis wir endlich marschieren können." (Reiner Wandler, STANDARD-Printausgabe, 14.02.2011)

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19 Postings
Zu große Fertilität führt zu Kriegen und Revolten

Es ist wie im klassischen Lehrbuch:

In diesen islamische Ländern besteht die Bevölkerung aus 40-70% Jugendlichen unter 30 Jahren. Bei so einer Kinderproduktion (offenbar sonst kein Freizeitangebot?) gibt es kein Geld mehr für Bildung oder Ausbildung für alle. Und keinen erlaubten Sex für junge Männer. Ohne Job und Zukunftsperspektiven kann nicht geheiratet werden, also rennen die jungen Männer aggressiv und frustriert durch die Gegend und das wird sich auch nicht ändern, wenn man Regierungen stürzt.

Wer soviele überschüssige Kinder produziert ist a. völlig verantwortungslos und b. ist langfristig auf Krieg aus.

In Algerien wurden 2010 1.76 Kinder pro Frau geboren. So viel zur "grossen Fertilität"... und ihrem "Wissen"!

geht's noch...? ich weiß ja nicht welchen wirren gedanken dieser schwachsinn entspringt, aber bitte behalten sie diesen dr3ck für sich bis sie sich ansatzweise mit der situation und gesellschaftlichen vorgängen im allgemeinen vertraut gemacht haben!

Pardon,

nur eine Frage: Waren sie schon einmal in Algerien?

Kein Geld für Bildung, Jobs und Wohnungen? 2010: Staatseinnahmen 56 Milliarden Dollar aus unproduktiven Produkten wie Öl und Erdgas!
Und trotzdem fehlen zB seit dem Erdbeben 2003 noch immer eine Million Wohnungen.

(Ich war ein Jahr lang an der USTHB und kenne ein wenig die jungen Algerier, ihr Bestreben und Wünsche, und ich war in vielen Familien eingeladen, nicht nur in Oran oder Alger, sondern auch in der Kabylie.)

Drôle, drôle...!

Poster, die über den Wissensdurst getrunken haben, sind manchmal eine echte Plage.

bist du völlig irre?

fertilität? produziert? schätzchen der valentinstag kann hart sein, aber bitte lass den frust nicht am rest der welt aus

Haben Sie sich die Bevölkerungsstrukturebn dort angeschaut? Wie will ein Land das seine jetzige Bevölkerung nicht gescheit ernähren kann, die doppelte in ein paar Jahrzehnten ernähren. Glauben Sie China hat die ein Kind Politik aus Jux und Tollerei eingeführt? Wenn die in gewissen Teilen der Welt die Reproduktionsraten nicht drastisch und schleunigst gesenkt werden, fahren die gerade wegs in die totale Katastrophe. Resourcen sind halt nun mal nicht unbeschränkt. Daher sollte man seine Population selbständig auf einen vertretbaren Niveau halten. Sonst macht das die Natur für einen; nur letzteres ist kein schöner Anblick.

Demokratie ist nicht automatisch angestrebte Freiheit

Die Lage in Algerien ist wohl etwas anders als in Tunesien und auch in Ägypten. In Algerien lösten die Islam-Fanatiker fast einen Bürgerkrieg aus und ermordeten mit Mörderbanden und Überfällen bis zu 150.000 Menschen - alle, die westlich auftraten, gebildete oder unverschleierte Frauen, Demokraten. Algerien war urspr. fortschrittlich, laizistisch, demokratisch - diese Fanatiker wollten alle ins Mittelalter zurzückzwingen. Dass sie beileibe nicht die Mehrheit in Algerien stellten, war ihnen ganz egal.

Die Muslimbrüder verübten in Ägypten immer wieder Anschläge mit Massenmorden - auf Touristen, auf Kopten, auf Kirchen. Allerdings eskalierte es dennoch nicht so wie in Algerien.

Jemen: inzwischen total von Al Kaida unterwandert.

oder

in algerien kriegens gleich eine militärregierung so wie in ägypten.

bemerkenswert, dass die leute begriffen haben, dass ihnen die religiösen keine freiheit bringen werden.
man kann ihnen nur viel glück wünschen!

Sowohl in Algerien als auch in Jemen versuchen die Islam-Fanatiker über den Umweg einer vorgeschobenenen demokratischen Revolution, wie einst im Iran, einen diktatorischen "Gottesstaat" nach ihren Vorstellungen zu erzwingen.

Die "Unterdrückung" und dann das Verbot der Muslimbrüder in Algerien wurde durch die Mordanschläge der Islam-Banden in allen Teilen des Landes erst provoziert.

Schlauerweise benützen die Muslimbrüder inkl. all ihrer Vereinigungen auch das Vehikel der Sozialwohlfahrt, ködern die Menschen nicht nur mit Religion sondern auch mit Geld und Sozialhilfen, die der Staat nicht zur Verfügung stellt.

Ihr Kassandraruf

eines möglichen drohenden aggressiven islamistischen Regimes in Algerien ist sicher ungerechtfertigt. Denn auch in Algerien sympathisiert die grosse Mehrheit der Bevölkerung in keiner Art und Weise mit den militanten Islamisten (schon gar nicht die Berber, die immerhin ein Drittel der algerischen Bevölkerung stellen).

bei 10000 leuten werden das schon mehrheitlich demokraten sein. wuerde ungefaehr der zahl der demokratieanhaenger in einem arabischen land entsprechen.
bei ein paar hundert tausend nicht mehr.

Naja, 10.000 ist doch schon 10.000 mal mehr als die faulen und begriffstutzigen Europäer schaffen!

Hierzulande queruliert jeder über irgendwelche unbedeutenden Einzelthemen herum und keiner (will!) begreifen dass auch in Europa die Demokratie nur mehr dejure besteht, defakto aber auch schon abgeschafft ist.
Verbote, Verbote, Verbote .... = Unterdrückung, Überwachung, Entrechtung.
Ein guter Artikel in meinem Lieblingsblog von heute, aber jedes mal wenn ich hier eine URL von einem Artikel dort poste, kommt mein Posting nicht durch.
Sorry, Leider.

die ereignisse in ägypten widersprechen deiner einschätzung aber gewaltig. ;-)

Das wird sich erst zeigen

Bis jetzt wissen wir nur, dass ziemlich viele Aegypter den Mubarak und seine Kamarilla satt hatten. Was sie sich aber sonst so mehrheitlich wuenschen, ist schon viel weniger klar.

das haben sie in den letzten 3 wochen aber ziemlich laut rausgeschrieen. schon vergessen?

Naja, immerhin hat die FIS die letzten demokratischen Wahlen gewonnen und wurde daraufhin verboten.
Es wäre interessant zu wissen, wie groß ihr Rückhalt in der Bevölkerung heute ist.

Aber Eines haben dortige Revoluzzer (mit oder ohne Islam) mit unseren hiesigen Sozialromantikern gemeinsam - sie träumen alle von einer Demokratie a la Carte.

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